Pubertät …. und alles ist anders!

Pubertät ist nicht nur das Erreichen der Geschlechtsreife durch hormonelle Veränderungen des Körpers, sondern auch Veränderungen in psychischen und soziologischen Bereichen prägen diese Entwicklungsphase. 

Testosteron ist für die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale beim Knaben und Estradiol beim Mädchen verantwortlich. Nebenbei spielen in diesem Orchester auch noch das Wachstumshormon und das Schilddrüsenhormon eine nicht unwesentliche Rolle.
Die Zeit der Pubertät ist also auch schon ohne Diabetes nicht einfach für die Kinder und Eltern. Aber mit Diabetes Typ 1 kommt noch eine Hormonstörung hinzu, nämlich der absolute Insulinmangel, der ausgeglichen werden muss.
Der Insulinbedarf steigt um ein Vielfaches auf bis zu 1,5 IE/kg /d, Blutzuckerschwankungen erheblichen Ausmaßes sind an der Tagesordnung, besonders morgens (DAWN-Phänomen) und der HbA1c liegt durchschnittlich, trotz aller Bemühungen, im besten Fall bei 8%.

Das alles in einer Zeit der Identitätsfindung:
einerseits experimentiert der Pubertierende mit verschiedenen Identitäten und sucht Alternativen, andererseits will er sich auf seine gewählte Alternative festlegen und die gefundene Identität erleben und reflektieren.
Jugendliche wollen ihre eigenen Grenzen austesten. 

Die Pubertätsentwicklung ist gekennzeichnet durch die Aufgaben:
Entwicklung eines neuen Körperbildes (männliches und weibliches Rollenbild)
Ablösung von den Eltern – Autonomie
Aufbau enger Freundschafts- und Beginn sexueller Beziehungen
Aufbau eines Wertesystems
erste berufliche Orientierung

Pubertätsentwicklung mit Diabetes erfordert zusätzlich Krankheitsmanagement (Compliance) und steht dazu im Gegensatz:
Diabeteskontrolle – Autonomie
Isolation – Peergroup
Regression – Progression
Gesunde Jugendliche meiden Ärzte – chronisch kranke Jugendliche haben häufige Arztkontakte, Ambulanzbesuche, etc. ..
Krankheit bedeutet aber schwach, gebrechlich, behindert, eingeschränkt sein – „uncool“
Gesundheit hingegen unabhängig, zu allem fähig, omnipotent, frei, normal sein – „cool“

Die Auswirkungen dieser Situation prägen dann mitunter den Diabetikeralltag:
Minderwertigkeit beeinflusst die Identitätsfindung –  „die Krankheit kränkt mich!“
Die Autonomieentwicklung ist durch die diabetesbezogene Eltern- (Mutter-)bindung gestört (overprotection). Überforderung führt zu depressiver Verstimmung und reduziert das Selbstwertgefühl. Frust und Verzweiflung über zu hohe gemessene Blutzuckerwerte beginnen schon morgens. Die Angst vor Folgeerkrankungen wird dann für Kind und Eltern zur ständigen Bedrohung und Belastung.
Genauso sind auch die Fragen nach der Berufswahl, Arbeitsplatzfindung oder Partnerschaft und Familiengründung von erheblicher Bedeutung und mit Zukunftsängsten verbunden.
Zum Glück sind schwere psychische Störungen wie Angststörungen, Anorexia nervosa, Bulimie, Dissozialität und Selbstmordversuche selten.
Eher finden sich Verhaltensänderungen wie nächtliche Essanfälle, inadäquate Insulindosisanpassung, Blutzuckermanipulation oder sogenannte (aber nicht ungefährliche) „Ferien vom Diabetes“, d.h. nicht testen und nicht spritzen.

Rauchen, Alkohol, Drogen und exzessiver Süßigkeitenverzehr dienen oft zur Kompensation.
Zu bemerken ist, dass die Zahlen der regelmäßig rauchenden Jugendlichen in Österreich generell erschreckend sind. So rauchen 24% der Buben und 30% der Mädchen – ein trauriger Spitzenplatz in Europa!
Die Zahl der rauchenden Diabetiker unterscheidet sich nicht von den Gesunden. Leider erhöht sich aber durch das Rauchen das ohnehin erhöhte kardiovaskuläre Risiko beim Diabetiker.
Auch der Alkohol- und Drogenkonsum jugendlicher Diabetiker zeigt keinen Unterschied in der Prävalenz zu gesunden Jugendlichen, was aber gemeinhin keinen Trost darstellt, sondern nur zeigt, dass es sich hier um die Allgemeinheit betreffende Probleme handelt und daher entsprechende Präventionsprogramme notwendig sind.

Aus der Sicht der Familie
erleben Mütter die Krankheit des Kindes häufig als Stress, ziehen sich aus dem Berufsleben zurück. Auch sozialer Rückzug  ist nicht selten. Ängstliches, überkontrollierendes Verhalten erschwert die Loslösung des Jugendlichen.
Väter ziehen sich in den Beruf zurück und werden manchmal von der Mutter aus der Versorgung des Kindes ausgeschlossen. Gegenüber diabetischen Mädchen zeigen sie auch oftmals weniger Verantwortung (Roth).
Der sogenannte „Eltern – burn out“ lässt sich daran erkennen, dass Ambulanzbesuche versäumt werden, keine persönliche Weiterschulung in der Therapie erfolgt und das „Therapieversagen“ zur Aufgabe bei den Eltern führt. Die Selbstständigkeitsentwicklung des Kindes ist dann auch eine „Krise“ der Eltern.
Geschwister  haben gelegentlich die „Schattenkinderrolle“: die älteren übernehmen Mitverantwortung und leiden unter der gefühlsbetonteren Mutterbeziehung zum diabetischen Kind.
Eltern beklagen gelegentlich, dass der Diabetes als „Druckmittel“, sozusagen unter dem Motto: „jetzt erst recht,…“ verwendet wird.
Hier würde eine Auszeit helfen, entsprechende Freizeitgestaltung und gegenseitige Unterstützung und Vertrauen, auch wenn es mal „nicht so läuft!“

Realistische Ziele in der Stoffwechseleinstellung, die durch das Diabetesteam gestützt werden sollten, sind hier von großer Bedeutung. Nicht vergessen darf man die Bedeutung der „Peergroup“, die auch emotionale Geborgenheit vermitteln und bei der Identitätsfindung und Ablösung vom Elternhaus helfen kann.

Die Rangordnung in der Bedeutung der Bezugspersonen in der Pubertät des Diabetikers ist:
Mutter
FreundIn
PartnerIn
Vater
Arzt

Nach meiner Meinung sollten Eltern und Betreuer „authentisch aber beharrlich“ bleiben, Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennen und Unterstützung anbieten, getreu dem Motto:
„Die Zeit arbeiten zu lassen“.

„Die Jugend soll ihre eigenen Wege gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden.“  (Pearl S. Buck)

Autor: Dr. Peter Kitzler, FA f. Kinderheilkunde, Klagenfurt
(Literatur beim Verfasser)

Kleines Lexikon
Anorexia nervosa      Magersucht
Bulimie                     Ess-Brechsucht
Compliance              kooperatives Verhalten d. Pat. im Rahmen der Therapie
Dissozialität              oppositionelles Trotzverhalten
overprotection           Verwöhnung
Peergroup                Gruppe Gleichaltriger (auch Interessensgruppe)
Progression              Weiterentwicklung, Fortschritt
Regression               Rückfall in kindliche Verhaltensmuster