BE & CO ADIEU – Änderung der Diätverordnung in Deutschland

Helmut Nussbauer
Diaetologe  Ernährungsbeater/DGE
Diabeteszentrum Burghausen

Änderungen in Deuschland – mögliche Auswirkungen auf Österreich
Das große Geschäft mit Diabetikerprodukten
Der deutschen Bundesverband der Hersteller von Lebensmitteln für eine besondere Ernährung beziffert den Umsatz mit Diabetiker-Produkten für das Jahr 2009 auf 138 Millionen Euro. Werden diese Zahlen für Österreich adaptiert, so entspricht das einer Summe von ca. 14 Millionen Euro.

In Deutschland ist seit Oktober 2012 Schluss damit. Denn die 16. Änderung der Diät-Verordnung hatte als Bundestagsbeschluss die Streichung der speziellen Anforderungen an Diabetiker-Lebensmittel zur Folge. (Drucksache 475/10). Bisher waren nur Fructose sowie Zuckeraustauschstoffe bzw. Süßstoffe als Zusatz für diese aus heutiger Sicht völlig unnötige Lebensmittelgruppe erlaubt.

Relevante rechtliche Änderungen
§ 2 und 3 DiätV:
Die Bezeichnung „zur besonderen  Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplanes“ auf der Verpackung fällt weg.

§ 12 DiätV:
Keine Vorgaben mehr für die Anforderungen an spezielle Lebensmittel für Diabetes-Patienten. Bisher war der Einsatz von d-Glukose, Invertzucker, Disacchariden, Maltodextrin und Glukosesirup verboten.

§ 20/20a DiätV:
Wegfall der Deklaration von Broteinheiten/BE
Das Konzept der BE gibt es laut Bundesinstitut für Risikobewertung nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Europäische Diabetes Gesellschaften fordern eine einheitliche Nährwertkennzeichnung. BE können als didaktisches Hilfsmittel in Schulungen insbesondere bei Typ-1-Diabetes (FIT/ICT Schulung) weiterhin eingesetzt werden. Die unterschiedliche glykämische Wirkung muss aber von der Diätologin erklärt werden.

Konsequenzen in der Gemeinschaftsverpflegung (Heim/Spital/Klinik) *)
Grundsätzlich besteht kein Unterschied bei der Verpflegung von Stoffwechselgesunden zu Menschen mit Diabetes. Die Ernährungsempfehlungen für die Kost gelten für jüngere und ältere Menschen mit Diabetes gleichermaßen (individuelle Anpassungen z. B. bzgl. der Kcal nötig). Der Nutzen einer speziellen Diabeteskost bei Heimbewohnern ist nicht gesichert.

Evidenz basierte Leitlinie DDG: Diabetes mellitus im Alter!
Die Evidenz basierten Ernährungsempfehlungen bei Diabetes (Toeller/2005) gelten mit ihrem Up-Date von 2009 noch immer als Basis für die Speisenauswahl in Spitälern und Reha-Kliniken. Der Einsatz spezieller Diabetikerprodukte wird nicht empfohlen. Alternativ können kalorienreduzierte Lebensmittel auf Süßstoff Basis eine sinnvolle Ergänzung sein. Diabetikermenüs-, Speisepläne oder Zwischenmahlzeiten müssen nicht mehr angeboten werden. Zahlreiche Kliniken in Deutschland haben auf ein „Kalorienreduziertes-Vitalmenü“ für Typ-2-Diabetiker umgestellt, welches einer Reduktionskost von 1200 bis 1400 Kcal entspricht. Süßspeisen sollen Zucker-reduziert bzw. mit Süßungsmittel hergestellt sein. Süße Brotaufstriche können aus dem herkömmlichen Sortiment angeboten werden (ggf. Kcal reduzierte Marmelade). Milchsuppen, Milchbreie und Desserts sollen ebenfalls mit geeigneten Mengen Süßstoff gesüßt werden.
Werden verpackte Lebensmittel auf die Station transportiert (organisatorische oder hygienische Gründe), so sollen die bekannten Nährwertangaben ersichtlich sein. Diabetes Patienten mit Normalgewicht (z.B. Typ 1) können am Vollkostessen teilnehmen, der Kohlenhydratgehalt muss ohnehin mit der Insulinzufuhr abgestimmt werden. Bis zu 50 g Zucker/Tag kann durch die Gabe von normaler Marmelade/Gebäck… erfolgen. Bei Reduktionskost (1200 Kcal) entspricht dies einer Menge von ca. 30 g freiem Zucker/d. Keine Zucker-Getränke anbieten!

Auswirkungen auf Österreich

  • Diabetiker Lebensmittel gelten gemäß  EU Recht (noch) als diätetisches Lebensmittel.
  • Das österreichische Gesundheitsministerium sowie die Österreichische Diabetesgesellschaft sehen keinen Bedarf für Diabetiker-Lebensmittel.
  • Ein Verordnungsvorschlag zur Überarbeitung der Richtlinien bezüglich diätetischer Lebensmittel wird aktuell vom EU Rat diskutiert.
  • Österreich wartet diesen EU Beschluss ab (danach wird es keine Vorgaben mehr zu Diabetiker-Lebensmitteln geben).
  • Zudem wird die neue Nährwertkennzeichnung EU Nr. 1169/2011 ab 14. Dezember 2014 die zwingende Kohlenhydratangabe auf der Verpackung bringen. Hiermit ist eine BE-Umrechnung möglich, falls dies der Patient wünscht
  • Schwächen der BE
  • Nur unter Standardbedingungen aussagekräftig
  • Zusammensetzung der gesamten Mahlzeit entscheidend
  • Verarbeitungsgrad des Lebensmittels entscheidend
  • Reifegrad bei Obst muss berücksichtigt werden
  • Medikamente, welche die Magenentleerung verzögern sind mit einzubeziehen (z. B. Antihistaminika, Neuroleptika, Antidepressiva, Ca-Antagonisten).

 Die Magen-Verweildauer ist mitentscheidend für die glykämische Wirkung der BE

      • Häufigkeit der Nahrungsaufnahme
      • Konsistenz der Mahlzeit
      • Ballaststoffgehalt
      • Temperatur der Speisen
      • Fett/Eiweißgehalt der Mahlzeit
      • Zugeführte Getränke
      • Körperliche Aktivität vor dem Essen
      • Evtl. bestehende diabetische Gastroparese
      •  Individuelle Schwankungen (Tageszeit, Essgeschwindigkeit)

Die Mär von der Stärke als „langsame“ BE
Jenkins Dj, et al. zeigten bereits Anfang der Achtziger-Jahre, dass Stärke (unser häufigster Vertreter ist Weizenmehl) gegenüber Zucker keine günstigere glykämische Wirkung aufzeigt. Dennoch wird dreißig Jahre später z.B. in Patientenbroschüren noch immer auf die positive Wirkung von Stärke- und Stärkehaltigen Lebensmitteln als „langsames Kohlenhydrat“ in der Diabetsernährung hingewiesen.

Fazit
Eine spezielle Diabeteskost sowie ein strenges Zuckerverbot sind aus heutiger Sicht hinfällig. Vielmehr sollte in der Ernährungsberatung ein Schwerpunkt auf die massiv Blutzucker-erhöhende Wirkung von Stärke- und Weißmehlprodukten – insbesondere Brot und Backwaren – hingewiesen werden. Kornspitz, Bio-Dreikorn-Weckerl und Co entsprechen in den allermeisten Fällen mit Malzzucker gefärbten Weizenmehlprodukten und bieten gegenüber einer herkömmlichen Semmel gewiss keine Vorteile. Die Schwierigkeit des mangelnden Angebotes im Handel „echte“ Vollkorn- bzw. Ganzkornprodukte zu erwerben, muss in den Fokus der Diabetesberatung rücken.