Diabetisches Fuß-Syndrom

Mehr als die Hälfte der Amputationen ließen sich verhindern


Es ist ein gefürchtetes Thema, das viele von uns beiseiteschieben und sich lieber nicht damit beschäftigen: das diabetische Fuß-Syndrom, charakterisiert durch einen schlechten Heilungsverlauf von Wunden mit erhöhtem Risiko für Traumata, Infektionen und Gewebsnekrosen. Im schlimmsten Fall, bei nicht irreversiblen Durchblutungsstörungen oder nicht therapierbaren Infekten,  droht die Amputation der Extremität.

In Österreich ist etwa jeder 100. Diabetiker von einer Amputation betroffen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da es kein Amputationsregister, also eine Meldepflicht für Amputationen gibt. Dass diese Zahlen in jedem Fall unnötig hoch sind, darauf machen einmal mehr die Gefäßgesellschaften aufmerksam.

Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

Das diabetische Fußsyndrom ist bei etwa 50 Prozent der betroffenen Patienten mit einer PAVK vergesellschaftet. Dabei ist die Durchblutung durch eine zunehmende Verengung der Beinarterien gestört. Aufgrund der mangelnden Blutversorgung heilen in einem fortgeschrittenen Stadium selbst kleinste Verletzungen nur schlecht und es entstehen häufig Infektionen. Kommt noch eine Beeinträchtigung der Nervenfasern dazu und werden Schmerzen von Wunden nur eingeschränkt oder gar nicht wahrgenommen, so fehlt ein wichtiges Frühwarnsystem und der Arzt wird oftmals zu spät aufgesucht. Das gilt es zu vermeiden, denn rechtzeitig erkannt, bieten neue pharmakologische Therapien, die moderne Gefäßchirurgie sowie der Einsatz von nicht invasiven Bildgebungsverfahren gute Möglichkeiten zur Wiederherstellung des Blutflusses am Fuß.

Bei fortgeschrittener PAVK ist die Wiederherstellung der Durchblutung dringlich um die Wundheilung zu ermöglichen und um Amputationen zu vermeiden.

Bei geeigneter gefäßmorphologischer Voraussetzung ist die endovaskuläre (im Gefäßinneren) Behandlung zur Wiederherstellung des Blutflusses als Methode erster Wahl anzusehen. Eine Gefäßerweiterung erfolgt mittels Ballonkatheter und gegebenfalls mit einem Stent als Gefäßstütze. Neu sind medikamentenbeschichtete Katheder und Stens, welche eine längere Offenheit des behandelnden Gefäßabschnitts erreichen. Die Rolle der Gefäßchirurgie liegt neben der Kontrolle des lokalen Infekts in der operativen Wiederherstellung von kleinen Blutgefäßen, insbesondere dann wenn konservative Therapien und Kathermaßnahmen nicht ausreichen oder kontraindiziert sind. Eine Gefäßrekonstruktion sollte dabei – wenn möglich – immer mit körpereigenem Material durchgeführt werden.

ABC-Sofortmaßnahmen

Für betroffene Patienten und behandelnde Ärzte empfehlen die Fachgesellschaften die sogenannten „ABC-Maßnahmen“:

  1. Aufmerksamkeit: Wer beim Gehen oft stehenbleiben muss oder eine Wunde hat, die nicht heilt, soll zur Abklärung rasch einen Arzt aufsuchen!
  2. Behandlung akut: Bei Verdacht auf ein Durchblutungsproblem bei Patienten mit Diabetes mellitus muss rasch abgeklärt und revaskularisiert werden!
  3. Chronisch-konsequente medikamentöse Therapie: Die neuen wirksamen Substanzen sollen rasch für Patienten mit PAVK und Diabetes/Diabetischer Fuß verfügbar gemacht werden!

„Call for Action“

Die behandelnden medizinischen Fachgesellschaften, die Österreichische Gesellschaft für Gefäßchirurgie (ÖGG), die Österreichische Gesellschaft für Interventionelle Radiologie (ÖGIR) sowie die Österreichische Gesellschaft für Internistische Angiologie (ÖGIA), wenden sich gemeinschaftlich mit einem „Call for Action“ an die Gesundheitspolitik, denn mehr als 50 Prozent der derzeitigen Amputationen könnten verhindert werden. Darüber hinaus fordern die Fachgesellschaften eine seitens des Ministeriums verordnete Meldepflicht für Amputationen mit der Erstellung eines Amputationsregisters. Für die optimale gefäßmedizinische Versorgung wäre außerdem die Errichtung weiterer spezialisierter Gefäßzentren notwendig. Derzeit sind diese Zentren nur an den Universitätskliniken in Innsbruck, Graz und Wien umgesetzt.