Die Blutgefäße gesund erhalten

Vorsorgemaßnahmen und Gefäßkontrollen sind bei Diabetes unerlässlich

Menschen, die an Diabetes mellitus erkrankt sind, sterben heute nur noch sehr selten an einer akuten Stoffwechselentgleisung (diabetisches Koma), jedoch häufig an den Folgen einer fortgeschrittenen Arteriosklerose (Gefäßverkalkung). Sind neben Diabetes mellitus noch andere Risikofaktoren für das Herz-Kreislaufsystem, wie Bluthochdruck, Nikotinabusus, hohe Blutfettwerte bzw. eine positive Familienvorgeschichte bzgl. Herz-/Gefäßerkrankungen vorhanden, wird der Zeitpunkt des Auftretens und das Ausmaß des Fortschreitens der Gefäßverkalkung frühzeitig begünstigt.

Wird die Diagnose mellitus bei einem Patienten erstmals festgestellt, sollte das gesamte Gefäßsystem von einem angiologisch und kardiologisch ausgebildeten Internisten auf arteriosklerotische Veränderungen untersucht werden. Abhängig vom Erstbefund bzw. von der Progression (Fortschreiten) der Gefäßsklerose wird der Facharzt weitere Kontrolluntersuchungen festsetzen.

Jeder Diabetiker, der keine Beschwerden hat, sollte – zusätzlich zu den regelmäßigen Blutzucker- und Laborkontrollen, einmal im Jahr einen Internisten konsultieren, um die Risikofaktoren bzw. die medikamentöse Therapie für das Herz- Kreislaufsystem zu optimieren und die Gefäße auf Arteriosklerose zu untersuchen. Treten beim Diabetiker Beschwerden auf, muss eine weitere Abklärung sobald als möglich erfolgen.

Neben der jährlichen internistischen Kontrolle ist auch eine jährliche augenärztliche Kontrolluntersuchung empfohlen.

Mit Hilfe des strukturierten Betreuungsprogramms „Therapie Aktiv“ werden Patienten mit DM Typ 2 in regelmäßigen Abständen optimal betreut, um das Auftreten von Folgeschäden am Herz-Kreislaufsystem zu verhindern bzw. deren Fortschreiten zu verzögern. Unter www.therapie-aktiv.at finden Sie Ärzte der Allgemeinmedizin und Inneren Medizin, die an diesem Programm teilnehmen.

Welche Gefäße können beim Diabetiker betroffen sein?
1. Makroangiopathien: Gefäßverkalkung der großen Gefäße

  • Herzkranzgefäße: Diabetiker weisen im Vergleich zum Nicht-Diabetiker ein 2 bis 4-fach erhöhtes Risiko für eine koronare Herzerkrankung (Gefäßverengungen) und ein 1 bis 6-fach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt auf. 50 % aller Typ-2-Diabetiker erleiden einen Herztod. Ist die Arteriosklerose so fortgeschritten, dass sie zu einer höhergradigen Einengung des Gefäßdurchmessers führt, kann der Diabetiker unter Belastung (Stiegen steigen, Tragen schwerer Taschen, Sport) Beklemmungen im Brustkorb +/- Ausstrahlung in den Arm-, Bauch-, Hals-, Rückenbereich oder Atemnot verspüren. Wird ein Herzkranzgefäß durch ein Blutgerinnsel akut verschlossen, stirbt das Herzgewebe teilweise ab (Herzinfarkt).
  • Halsgefäße: Der gleiche Mechanismus kann sich auch an den das Gehirn versorgenden Gefäßen (Karotiden) abspielen. Die Durchblutungsstörungen des Gehirnes können zu Schwindelzuständen, vorübergehenden (TIA) oder dauerhaften Verschlüssen der das Gehirn versorgenden Gefäße (Schlaganfall) führen.
  • Beingefäße: Im Becken- und Beinarterienbereich kann die Arteriosklerose eine ernstzunehmende Durchblutungsstörung der Beine, die sogenannte „Schaufensterkrankheit“ (PAVK) verursachen. Die Betroffenen haben Schmerzen und Krämpfe bei Belastung (Gehen, Stufensteigen). Beim Stehenbleiben in Ruhe lässt der Schmerz nach. Die schmerzfreie Gehstrecke ist ein wichtiger Parameter zur Beurteilungder Ausprägung der Arteriosklerose der Becken- Beingefäße. 25 % aller Diabetiker erkranken an einem diabetischen Fußsyndrom, dem Auftreten von schwer heilenden chronischen Wunden im Fußbereich, ausgelöst durch eine komplexe Störung der Nerven und der Durchblutung der unteren Extremität.

2. Mikroangiopathien: Durchblutungsstörung an den kleinen Gefäßen

  • Nierengefäße: 20 – 40 % der Diabetiker erleiden im Laufe ihres Lebens eine Nierenschädigung, sodass diese nur mehr eingeschränkt die Entgiftung des Blutes und die Regulierung des Wasserhaushaltes wahrnehmen können. Im Extremfall kann die Funktion der Nieren so eingeschränkt sein, dass eine Nierenersatztherapie (Dialyse) unumgänglich wird.
  • Augengefäße: Die diabetische Retinopathie und Makulopathie (Netzhautschaden) sind häufige Komplikationen des Diabetes mellitus am Auge. Die Veränderungen werden oft anfänglich nicht bemerkt, können jedoch im Verlauf zu einer Sehbehinderung bis zur Erblindung führen.

Der Diabetiker kann die Entwicklung bzw. das Fortschreiten der Arteriosklerose im gesamten Gefäßsystem durch optimale Einstellung der kardiovaskulärer Risikofaktoren verzögern!Zielwerte:

  1. Blutdruck: Zielwert <140/90 mm Hg, bei Nierenschädigung <120/80 mm Hg
  2. Blutzucker: je Alter und Dauer des Diabetes mellitus – HbA1C <6-8%
  3. Blutfette: LDL Zielwert < 70 mg/dl
  4. absoluter Rauchstopp

Welche Untersuchungen des Herz-Kreislaufsystem-Gefäßsystems sind sinnvoll?

Herz:

  • 12-Kanal -EKG: Nachweis von EKG- Veränderungen (Leitungsverzögerungen/-Blöcke, Infarktnarben, Hinweis auf Durchblutungsstörungen)
  • 24 Stunden- EKG (Holter): Nachweis von Rhythmusstörungen (Extraschläge, Vorhofflimmern, Leitungsverzögerungen)
  • Belastungs-EKG (Ergometrie): Nachweis von einer Minderdurchblutung der Herzkranzgefäße durch Belastung, die im EKG sichtbar wird.

Blutdruck:

  • Blutdruckprotokoll
  • Eventuell 24 Stunden-Blutdruckmessung

Halsgefäße:

  • Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße (Karotis): Feststellung des Ausmaßes der Arteriosklerose, Grad von Verengungen, Bestimmung der Intima-Mediadicke (innere und mittlere Schichte der Gefäßwand).
  • Bei Verdacht auf hochgradige Verengungen oder unklaren Befunden im Ultraschall ist eine weiterführende Diagnostik mittels Magnetresonanzangiographie

Die Karotis ist ein „Indikatorgefäß“, das in Hinblick auf das Ausmaß der Arteriosklerose Aufschluss auf das gesamte Gefäßsystem zulässt.

Beingefäße:

  • Bestimmung der Durchblutung durch Tasten der Fußpulse
  • Knöchel-Arm Index (Verhältnis des Blutdruckes Beine/Arme)
  • Ultraschalluntersuchung der Becken-Beingefäße zur Feststellung von Gefäßverengungen (Stenosen).
  • Magnetresonanzangiographie: zum Nachweis von Verengungen im Becken- und Bauchbereich, die im Ultraschall schlecht darstellbar sind.

Nierengefäße:

  • Bestimmung der Albumin-Kreatinin Ratio aus dem Spontanharn und der Kreatinin-Clearance im Blut, um den Grad einer Nierenschädigung zu bestimmen.
  • Im Ultraschall kann die Größe und Form der Nieren beurteilt werden.

Augengefäße:  

  • Die Untersuchungsmethode der Wahl ist eine Augenhintergrunduntersuchung nach Pupillenerweiterung. Bei unauffälligem Befund sind jährliche Kontrollen, bei positivem Befund kürzere Kontrollintervalle empfohlen.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass durch eine Optimierung der kardiovaskulären Risikofaktoren in Kombination mit ausreichend Bewegung, die Entstehung bzw. das Fortschreiten der Arteriosklerose im gesamten Gefäßsystem verzögert werden kann. Neben einer optimalen Blutzucker- Blutdruck- und Fettstoffwechseleinstellung ist eine absolute Nikotinkarenz unabdingbar.

Dr. Barbara Zweytick
FÄ für Innere Medizin/Kardiologie,Villach
www.herzgesundheit.at

TIA = transitorische ischämische Attacke. Dabei handelt es sich um eine kurzzeitige (2-3 Minuten bis max. 24 Stunden dauernde) Mangeldurchblutung (Ischämie) von Bereichen des Gehirns. Die Symptomatik ist ähnlich wie bei einem echten Schlaganfall (Symptome dauern länger als 24 Stunden). Die TIA gilt als Vorbote eines echten Schlaganfalls. Die Anzeichen müssen unbedingt ernst genommen und abgeklärt werden, auch wenn auch wenn die Symptome schnell wieder nachgelassen haben.PAVK (partielle arterielle Verschlusskrankheit): die sogenannte „Schaufensterkrankheit“. Schmerzen beim Gehen zwingen einem zum Stehenbleiben – wie bei einem Schaufensterbummel. Hervorgerufen durch Durchblutungsstörungen der Beinarterien. Trotz harmlosen Namen sind die Symptome absolut ernst zu nehmen, es handelt sich um eine fortschreitende und chronische Erkrankung, da zumeist nicht nur die Beinarterien betroffen sind, besteht ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt.