INTERVIEW – Nierenerkrankungen, aktuelle Situation in Österreich

Univ.-Prof. Dr. Sabine Horn, ml-3-16-sabine-horn
Fachärztin für Innere Medizin,
Fachärztin für Nephrologie 
übernahm Anfang des Jahres 2016 das Primariat der Internen Medizin im LKH Villach – mit knapp 170 Betten eine der größten zusammenhängenden Abteilungen für Innere Medizin in Österreich.
Gertraud Rametsteiner, MEIN LEBEN, im Gespräch mit der Expertin für Nierenerkrankungen:

ML: Wir gratulieren zur Übernahme Ihrer neuen großen Aufgabe und wünschen alles Gute!
Laut dem Österreichischen Dialyse- und Transplantationsregister erleidet ca. jeder vierte Diabetiker eine terminale Niereninsuffizienz, also das Stadium, in dem eine Nierenersatztherapie (NET) erforderlich wird. Der weit überwiegende Teil sind Typ-2-Diabetiker. Dazu stellte die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN) in einem vielbeachteten Dossier fest, dass in Österreich zu wenige Zentren zur nephrologischen Versorgung vorhanden sind und auch im niedergelassenen Bereich Nephrologen fehlen.
Wie sehen Sie die Versorgungssituation derzeit?

SH: Es hat sich seit der Erstellung des Dossiers noch nicht viel geändert. Ein bisschen Bewegung ist allerdings zu verspüren: so wurde nicht nur Villach mit mir nephrologisch besetzt, sondern auch das LKH Oberwart mit Prim. Gratze und das Diakonissenkrankenhaus Schladming mit Prim. Bischof. Der niedergelassene Bereich ist nach wie vor nephrologisches Brachland, da nephrologische Leistungen praktisch nicht honoriert werden. Weiters wurde im Sinne eines Disease Management Programms das nephrologische Grundversorgungskonzept 60/20 von der ÖGN ins Leben gerufen und wird in der Steiermark, Kärnten und Vorarlberg zum Teil schon umgesetzt bzw. geplant.

ML: Nierenerkrankungen entwickeln sich über Jahre schmerz- bzw. symptomlos, sodass Betroffene viel zu spät beim Spezialisten vorstellig werden und zu oft erst dann eine fortgeschrittene Nierenschädigung erkannt wird.
Welches wären die vordringlichsten Maßnahmen, um dieser Gefahr früher zu begegnen bzw. um präventiv einzuschreiten und welche Chancen bringt das Nierenversorgungskonzept „Niere 60/20“??

SH: Patienten und Patientinnen aus Risikogruppen (ältere Personen, Diabetiker, Hochdruckpatienten, familiäre Belastung etc.) sollten in vorgegebenen Zeiträumen gescreent werden. Darauf zielt auch das Konzept 60/20 ab. Je früher eine Nierenerkrankung erkannt wird, desto größer ist die Chance diese aufzuhalten!  Das ist nicht nur kosteneffektiv, sondern bringt den Betroffenen eine bessere Lebensqualität und Lebenserwartung. Zusätzlich würde die Awareness für Nierenerkrankungen in der Bevölkerung gesteigert. 

ML: Dialysezentren bestehen zwar in allen Bundesländern, sie sind aber teilweise so überlastet, dass Patienten auch nachts dialysiert werden müssen. Transplantiert wird nur an einigen Universitätskliniken. Welche Entwicklung erwarten Sie in diesem Bereich, wie ist eine Entspannung möglich und welche Rolle spielt die Peritonealdialyse?

SH: Also vorweg: Transplantation sollte nur in wenigen Zentren durchgeführt werden. Es wäre nicht sinnvoll, weitere Zentren zu etablieren, da hier die Fallzahl und die damit einhergehende Erfahrung zählen. Da sind wir in Österreich gut aufgestellt.
In Bezug auf die Hämodialyse ist anzumerken, Dass es Gebiete gibt, wo nächtliche Dialyse notwendig ist – allerdings ist es so, dass diese nur mit dem Einverständnis der Betroffenen durchgeführt wird. Niemand wird zur Nachtdialyse gezwungen. Mit der demographischen Entwicklung (Babyboomer werden älter) ist zu erwarten, dass in den nächsten 10 Jahren die Zahl der Menschen an der Dialyse wieder zunehmen wird. Die Peritonealdialyse (PD) ist eine sehr gute Alternative zur Hämodialyse. Sie erfordert allerdings engagierte Patienten bzw. Angehörige und auch gewisse medizinische Voraussetzungen. Die Peritonealdialyse ist in Österreich sicher ausbaubar!

 ML: Welche „Bringschuld“ zur Prävention wäre seitens der Patienten selbst, im eigenen Interesse und zur Verhinderung von oft großem Leid einzubringen?

SH: „Bringschuld“ von Seiten der Patienten sehe ich aktuell keine – es fehlt noch zu sehr an Informationen für die Betroffenen. Prinzipiell ist aber unser ungesunder Lebensstil auch mitschuldig an der Zunahme von Nierenerkrankungen! D. h. wir brauchen Patienten bzw. Patientinnen die bereit sind, sich aus der Komfortzone zu begeben …

ML: wir danken Ihnen für das Gespräch!