Interview: Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz: Mag. Beate Hartinger-Klein

Als Bundesministerin für Gesundheit stehen Sie an der Spitze des österreichischen Gesundheitssystems, das aktuell gerade große Reformprojekte erarbeitet. Bleibt Ihnen persönlich eigentlich noch Zeit für einen gesunden Lebensstil?

Bundesministerin Hartinger-Klein (lacht): Das ist eine sehr gute Frage. Sagen wir es einmal so: Es ist nicht ganz einfach. Zeit ist Mangelware, und im Augenblick bleibt mir einfach zu wenig Spielraum, um ausreichend Bewegung zu betreiben. Sport steht bei mir derzeit daher nur ein- bis zweimal pro Woche auf dem Programm. Und was die Ernährung betrifft: Ich bemühe mich zwar, mich gesund zu ernähren, doch auch das gelingt mir – ehrlich gesagt – nicht immer. 

Diabetes mellitus zählt mit rund 600.000 Betroffenen und steigender Tendenz der Neuerkrankungen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Österreich. Mit „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ gibt es bereits ein sehr erfolgreiches Betreuungs- und Therapie-Programm, das Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 bei der Krankheitsbewältigung unterstützt. Telemonitoring eröffnet hier nun ganz neue Möglichkeiten: Sehen Sie in der Tele-Medizin eine Chance, die Betroffenen noch besser und flächendeckender betreuen zu können?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Ich glaube, dass Telemonitoring tatsächlich ein wichtiger Schlüssel ist, um den Patienten zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen. Außerdem erleichtern wir auf diese Weise auch den Ärzten ihre Arbeit, die – nebenbei bemerkt – für diese zusätzliche Leistung selbstverständlich auch ein entsprechendes Honorar erhalten müssen. Ich bin davon überzeugt: Sobald die Ärzte Telemonitoring einsetzen, werden sie diese Form der Unterstützung sehr schätzen. Einfach deshalb, weil Telemonitoring eben nicht nur dem Patienten Sicherheit gibt, sondern auch dem behandelnden Arzt. Dank Telemonitoring weiß er, dass sein Patient gut eingestellt ist. Und er sieht auch, dass der Patient seine „Hausaufgaben“ in Sachen Bewegung und Ernährung tatsächlich macht. Wichtig ist mir, dass dieses Tool als das gesehen wird, was es ist: eine Hilfestellung für den Betroffenen und ein wichtiger Schritt in Richtung verbessertes Selbstmanagement.

Laut einer IFES-Umfrage wünschen sich die Österreicherinnen und Österreicher durchaus mehr Vernetzung im Rahmen ihrer Diagnose, Behandlung und auch Rehabilitation zwischen den einzelnen Fachbereichen. Lange Wartezeiten, häufige Diagnoseüberprüfungen und „Laufereien“ zwischen den Fachärzten sind häufig genannte Kritikpunkte. Welche Maßnahmen sind hier zur Verbesserung und Vereinheitlichung seitens der Gesundheitspolitik geplant?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Hier gibt es seitens der Fachgesellschaft entsprechende Leitlinien, die im Prinzip vom Hausarzt zu managen sind. Das passiert leider nicht immer ausreichend. Aber auch hier kann Telemonitoring zu großen Verbesserungen beitragen. Denn damit erkennt der Arzt sofort: Okay, dieser Patient muss jetzt zu einem Augenarzt, ein anderer sollte dringend einen Orthopäden aufsuchen. Auf diese Weise nehmen die Patienten ihre Termine rechtzeitig wahr, und das Time-Management wird insgesamt viel zielgerichteter. Zum Thema Wartezeiten habe ich die Ärztekammer, den Patientenanwalt und den Hauptverband bereits zu einem runden Tisch eingeladen. Unser vordringlichstes Ziel ist es, den Terminkalender effizienter zu gestalten. In der Radiologie ist uns das bereits gelungen. Das hat dazu geführt, dass die langen Wartezeiten vor Ort entfallen sind. Genau das wünschen wir uns auch für Diabetes-Patientinnen und -Patienten.

Die Zahl chronischer Erkrankungen ist auch in Österreich im Steigen – eine Entwicklung, die nicht zuletzt auf unseren Lebensstil, auf Bewegungsmangel und auf falsche Ernährung zurückzuführen ist. Wie kann das Gesundheitssystem auf solche erkennbaren Veränderungen reagieren?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Nun, hier dreht sich zuerst einmal alles um das Stichwort Health Literacy, also die viel beschworene Gesundheitskompetenz. Hinter diesem Fachausdruck steckt die Idee, dass die Bevölkerung Zugang zu allen relevanten Informationen über eine Krankheit erhalten soll. Und dass beispielsweise auch ein verstärktes Bewusstsein dazu geschaffen wird, wie eng Lebenswandel und Krankheitsentstehung miteinander verknüpft sind. Es geht darum, dass sich jeder Einzelne ganz konkrete Fragen stellt, in der Art von „Wie kann ich diese oder jene Erkrankung hintanhalten?“. Oder: „Was kann ich tun, um zu verhindern, dass auch ich von dieser Krankheit betroffen bin?“ Tatsache ist: Viele Menschen sind genetisch vorbelastet und leben ständig in der Angst, dass eine bestimmte Krankheit früher oder später auch bei ihnen ausbrechen könnte. Aber gerade in dieser Situation ist es umso wichtiger, zu wissen: Was kann ich selbst dazu beitragen, damit ich im Unterschied zu meinen Eltern nicht von Altersdiabetes betroffen bin? In präventivem Handeln auf der Basis von entsprechendem Wissen sehe ich daher einen ganz wichtigen Ansatzpunkt. Ein anderes großes Thema ist natürlich Zucker. Die deutschen Handelsketten beginnen hier bewusst gegenzusteuern. Sie sorgen dafür, dass weniger Zucker in den verschiedenen Lebensmitteln enthalten ist oder dass der Zuckergehalt auf den Produkten genau gekennzeichnet wird. Diese Wege erscheinen auch mir zielführend. 

Trotz ständig neuer Erkenntnisse und Therapiefortschritte scheint der ungesunde Lebensstil viele Erfolge der Diabetologie zu bremsen. Österreich liegt laut einem OECD-Vergleich weit vorne bei der Kalorienzufuhr. In manchen Ländern Europas werden Überlegungen angestellt, künftig eine „Form der Besteuerung“ auf besonders kalorienreiche Nahrungsmittel zu erheben, um Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gegenzusteuern. Sollte Österreich diesem Beispiel folgen?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Derzeit ist die Linie der neuen Regierung: keine neuen Steuern! In meiner Funktion als Gesundheitsministerin begrüße ich aber natürlich regulative Maßnahmen zu Gunsten der Gesundheitsförderung. Von dieser Steuer jetzt einmal abgesehen, versuchen wir schon jetzt an vielen unterschiedlichen Stellen anzusetzen – beispielsweise bei der Schulmilchaktion. Unsere Kinder sollen hier Alternativen zu zuckerhaltigen Getränken und Speisen kennenlernen und erfahren, wie wichtig es ist, Zucker von klein auf zu meiden. 

Diabetes Typ 1 ist die häufigste chronische Krankheit bei Kindern und Jugendlichen in Österreich. Neben den Herausforderungen im Alltag sind diese Kinder und Jugendlichen immer wieder mit Zurücksetzungen im Rahmen von Schulveranstaltungen wie Wandertagen oder Schikursen konfrontiert. Gibt es von Ihrer Seite Pläne, mit den Kollegen im Bereich der Bildungspolitik Maßnahmen zur Aufklärung zu setzen?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Ich bespreche dieses Thema sehr gerne bei Gelegenheit mit dem Unterrichtsminister. Diese Kinder sollen unbedingt und ohne Einschränkungen an allen Schulveranstaltungen teilhaben können. Aufseiten der betreuenden Lehrerinnen und Lehrer gibt es auch keinen Grund zu übertrieben großer Sorge: Diese Kinder sind schließlich gut eingestellt und wissen genau, was sie tun und was sie besser lassen sollten. Und falls doch einmal etwas passiert, haften die Lehrkräfte durch das Amtshaftungsgesetz auch nicht persönlich. Aber all das müssen wir vielleicht noch deutlicher kommunizieren. Wie gesagt: Gerne suche ich diesbezüglich bei Gelegenheit das Gespräch mit meinem Kollegen im Bildungsministerium. 

Diabetiker haben bei der Bewilligung von Heilbehelfen seitens der Krankenkasse immer wieder mit der Ablehnung der Kostenübernahme zu kämpfen, wobei es österreichweit große Unterschiede gibt. Wird die geplante Reform der Sozialversicherungsträger Diabetikern eine Erleichterung bringen?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Ich verstehe diese Problematik sehr gut. Zum einen gibt es auch jetzt schon Langzeitverordnungen. Die erleichtern den Betroffenen das Leben, indem sie dafür sorgen, dass eben nicht immer und immer wieder um ein- und dasselbe Medikament angesucht werden muss. Zum anderen habe ich das Ziel, die chefärztlichen Bewilligungen zu evaluieren. Ich möchte sehen, was hier wirklich notwendig ist, und für eine möglichst rasche und unkomplizierte Abwicklung sorgen. 

Wie wichtig ist für Sie die Selbsthilfe in Österreich im Bereich der Information, Beratung und Schulung für Diabetiker, nicht zuletzt durch den stetig ansteigenden Zeit- und Kostendruck bei der medizinischen Behandlung?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Die Selbsthilfe ist für mich von ganz großer Bedeutung. Einfach deshalb, weil die Betroffenheit oft zu einer ganz anderen Qualität und Tiefe der Informiertheit führt. Betroffene Menschen zeigen Aspekte auf, an die die Fachgruppierungen und Ärzte oder wer auch immer in den Gesundheitsberufen so noch nicht gedacht haben. Betroffene sind sehr oft Experten auf ihrem Gebiet und damit auch dafür prädestiniert, ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Daher bin ich davon überzeugt, dass die Selbsthilfe eine wichtige Institution ist, die in jedem Fall gestärkt werden muss.

Aktuell ist die Aufnahme von Vorsorgeuntersuchungen im Zusammenhang mit Schwangerschaftsdiabetes in den Mutter-Kind-Pass im Gespräch. Wie realistisch ist hier eine rasche Implementierung?

Bundesministerin Hartinger-Klein: Ich halte diese Vorsorgeuntersuchung für überaus sinnvoll. Entsprechend rasch wollen wir diese Neuerung auch auf Schiene bekommen. Unser Plan ist, diese Untersuchung bereits im kommenden Herbst im Mutter-Kind-Pass zu haben. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten wir eng mit den Fachgesellschaften und den Ärzten zusammen. 

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!