Wenn etwas passiert…

Was sollen Betroffene oder deren Angehörige im Notfall tun?

Medizinische Notfälle bei Menschen mit Diabetes mellitus sind insbesonders bei unzureichender Schulung oder bei lange bestehender Erkrankung beziehungsweise in Extremsituationen (Anstrengung, hinzukommende Akuterkrankungen u.ä.) ein wiederkehrendes Problem. Hervorzuheben sind drei Arten, die im Folgenden mit Tipps zum Verhalten beschrieben werden:

Unterzuckerung (Hypoglykämie)

Von einer Unterzuckerung spricht man in der Regel bei einem Blutglukosespiegel unter 70 mg /dl. Allerdings gibt es eine gewisse Bandbreite der individuellen Wahrnehmung und unterschiedliche Auswirkungen, je nachdem, ob derartige Situationen häufig auftreten und wann. Unter 50 mg/dl kommt es dann auch zu sogenannten neuroglukopenischen Symptomen, die einem Zuckermangel im Gehirn entsprechen und bis zum Bewusstseinsverlust gehen.

Ursachen einer Hypoglykämie sind entweder zu geringe Zufuhr oder vermehrter Verbrauch von Glukose, nicht selten spielen auch zuckersenkende Medikamente eine Rolle. Aufzuzählen wären hier:

  • Mangelnde Kohlehydratzufuhr (Stress, Appetitlosigkeit, Diät, Schätzfehler etc.)
  • Hoher Kohlehydratverbrauch (Starke körperliche Anstrengung, Sport)
  • Alkoholkonsum (blockiert Freisetzung von „Leberzucker“ für ständigen, basalen Bedarf)
  • Erbrechen / Durchfall
  • Medikamente (Überdosierung von Insulin oder oralen Medikamenten wie Sulfonylharnstoffen, Wechselwirkungen bei Einnahme mehrerer Medikamente)
  • Zu langer Spritz-Ess-Abstand bei Insulintherapie oder versehentliche intramuskuläre Injektion

Bei leichter Unterzuckerung (Blutglukose in der Regel über 50 mg/dl, manchmal sogar über 70 mg/dl bei raschem Abfall) bemerken Betroffene Heißhunger, Schwitzen, Zittern oder Störungen der Feinmotorik, Nervosität, Herzklopfen, Konzentrations- und Sehstörungen oder Schwindel.

In diesem Fall sollte als Sofortmaßnahme die Aufnahme von 20 Gramm Kohlenhydraten (2 „schnelle“ Broteinheiten) erfolgen, z. B. 4 Traubenzuckerplättchen oder 200 ml eines zuckerhaltigen Getränks wie Fruchtsaft oder Limonade (keine Lightlimonade!). Erst nach Zuckerzufuhr empfiehlt sich die Blutzuckermessung, die 15 Minuten später wiederholt werden sollte, um bei anhaltend erniedrigtem Messwert unter 70 mg/dl die Glukoseeinnahme nochmals zu wiederholen. Anschließend sollte auch zur Stabilisierung des Blutzuckerspiegels noch eine Kleinigkeit gegessen werden, z. B. ein Stück Brot, Obst, Joghurt (eine „langsame“ Broteinheit).

Bei starker Unterzuckerung kommt es zu Desorientiertheit, Bewusstseinstrübung oder -verlust, Kreislaufschwäche (hypoglykämischer Schock), Lähmungserscheinungen oder Krampfanfällen ähnlich der Epilepsie und die Betroffenen sind durchaus gefährdet und nicht in der Lage, sich selbst zu helfen. In solchen Fällen sind nicht selten Angehörige gefordert und sollten je nach Bewusstseinslage der Betroffenen handeln:

Bei Blutzucker unter 50 mg/dl und erhaltenem Bewusstsein empfiehlt sich die sofortige Gabe von 30 Gramm Glukose (6 Traubenzuckerplättchen oder 300 ml Limonade) und die Blutzuckerkontrolle nach 15 Minuten mit etwaiger Wiederholung der Glukosegabe. Bei Bewusstlosigkeit darf aufgrund der Erstickungsgefahr keine Glukosegabe mehr erfolgen und besteht die Erste Hilfe in stabiler Seitenlagerung mit Freimachen der Atemwege, Rettungsnotruf und Gabe von Glukagon intramuskulär. Beim Absetzen des Rettungsnotrufs (144 oder international 112) sind die 5 W anzugeben:

  • Wo ist es passiert
  • Was ist passiert
  • Wie viele Betroffene
  • Welche Art von Verletzung
  • Warten auf Rückfrage

Eine Glukagonspritze (z. B. Glukagen Hypokit®) sollte entsprechend der beiliegenden Bildanleitung vorbereitet und in den Oberschenkel gespritzt werden, wobei Desinfektion der Haut oder Verletzungsrisiko keine Rolle spielen.

Überzuckerung (Hyperglykämie)

Bei längerfristiger Erhöhung des Blutzuckerspiegels über 250 mg/dl kann es zu hyperglykämischen Notfällen kommen. Ursachen dafür sind Fehler bei der Insulingabe, Infektionen, Operationen, zuckersteigernde Medikamente oder ein sekundäres Versagen der Insulinbildung in der Bauchspeicheldrüse bei länger bestehendem Typ-2-Diabetes. Man unterscheidet dabei zwischen hyperglykämischer Entgleisung mit Ketoazidose oder hyperosmolarer Entgleisung.

Ketoazidose

Dies bezeichnet einen Zustand des absoluten Insulinmangels mit entsprechend erhöhtem Blutzucker um 250 bis 400 mg/dl bei zusätzlicher Übersäuerung des Organismus infolge vermehrter alternativer Fettverbrennung. Dabei kommt es zur Bildung sogenannter Ketonkörper und auch Aceton, was manchmal einen krankheitstypischen Geruch der Ausatemluft nach fauligem Obst oder Nagellackentferner bedingt. Diese Ketone lassen sich sowohl im Blut als auch im Urin (Streifentest mit violettem Farbumschlag) nachweisen. In einer solchen Situation ist auch die normale Wirkung von Insulin abgeschwächt und meist eine höhere Dosis zur Korrektur nötig.

Das typische Bild einer Ketoazidose ist geprägt von:

  • Verstärktes Wasserlassen und starkes Durstgefühl
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen
  • Bauchschmerzen
  • Acetongeruch in der Atemluft (Geruch nach faulem Obst oder Nagellackentferner)
  • Vertiefte Atmung
  • Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schwächegefühl
  • Gewichtsverlust
  • Rasche Entwicklung
  • BZ über 250 mg/dl, meist aber keine Erhöhung über 400mg/dl

Hyperosmolare Entgleisung

Dies bezeichnet einen Zustand bei Typ-2-Diabetes mit relativem Insulinmangel und massiver Austrocknung durch stark erhöhte Blutzuckerspiegel und damit verbundener überproportionaler Harnausscheidung (die allerdings später bei Nierenversagen abnehmen kann).

Das Vollbild umfasst:

  • Müdigkeit
  • häufiges Wasserlassen, vermehrter Durst
  • verschwommenes Sehen
  • Wadenkrämpfe
  • Gewichtsverlust
  • Niedriger Blutdruck
  • Schwindel, Sprachstörungen, Schluckstörungen
  • Schleichende Entwicklung
  • BZ über 450 mg/dl

Notfallmaßnahmen: Betroffene sollten bei beiden Formen der Überzuckerung sehr viel Trinken und sich nicht körperlich anstrengen. Falls Betroffene in einer solchen Situation allein sind, dürfen sie nicht schlafen. Bei bestehen einer funktionellen Insulintherapie, Basis-Bolus-Therapie oder Insulinpumpenbehandlung sollten Betroffene entsprechend ihrer individuellen Einschulung vermehrte Insulingaben zur Korrektur durchführen. Falls dies nicht der Fall ist oder die Betroffenen nicht mehr selbständig dazu in der Lage sind ist jedenfalls der Arzt zu verständigen. Bei Erbrechen ist unbedingt die Aufnahme im Krankenhaus notwendig.

Folgeerkrankungen

Durch das erhöhte Arterioskleroserisiko bei Diabetes können bei längerer Diabetesdauer und unzureichender Behandlung vermehrt Organschäden auftreten. Als Notfälle sind dabei hervorzuheben:

Herzinfarkt

Entsteht durch Herzkranzgefäßverschluss und bedingt starkes Engegefühl oder heftigen Druck im Brustkorb, Angst, Luftnot, Übelkeit und Erbrechen, blasse, fahle Gesichtsfarbe, kalten Schweiß und ev. Ausstrahlung in Kiefer, linke Schulter/Oberarm, Oberbauch. Als Notfallmaßnahmen:

  • Betroffene beruhigen
  • Oberkörper hoch lagern (z. B. an eine Wand anlehnen lassen)
  • Beengende Kleidung lockern, Frischluft
  • Notruf (selbst oder persönlich delegieren)
  • Betroffene ev. zudecken
  • Bei Bewusstseinsverlust stabile Seitenlagerung
  • Bei fehlendem Puls Wiederbelebungsmaßnahmen und Defibrillation (Automatische Geräte z. B. in öffentlichen Gebäuden)

Schlaganfall

Entsteht durch Durchblutungsstörung im Gehirn mit plötzlichen Zeichen wie Lähmung oder Schwäche im Gesicht, Arm oder Bein (insbesondere auf einer Körperhälfte), Verwirrung, Sprach- oder Verständnisstörung, Sehstörung auf einem oder beiden Augen, Gangstörung, Schwindel, Gleichgewichts- oder Koordinationsstörung. Die Notfallmaßnahmen sind weitgehend gleich.

Dr. James Gredler, FA Innere Medizin, Diabetologe
Villach