Veränderungen im Gesundheitssystem und die Auswirkungen auf die Diabetesversorgung

typE-Health und Telemedizin: Welche Vorteile, welche Nachteile ergeben sich aus der Sicht der Ärztin/des Arztes und der Patientinnen/Patienten?

Dr. Brath: E-Health bringt massive Vorteile. Daten können schneller besprochen und Informationen eher ausgetauscht werden, was verkürzte Wartezeiten zu Folge hat. Ein Beispiel hierfür sind die kontinuierlichen Glukosemessungen, die mittels passenden Messgeräts neben dem persönlichen Check auch elektronisch geteilt werden können. Eine Hausärztin beziehungsweise ein Hausarzt, die/der sich neben der Diabeteserkrankung auch mit weiteren Fachrichtungen beschäftigt, verfügt meistens nicht über die spezifischen Kenntnisse, über die eine spezielle Diabetesambulanz verfügt. Mittels Telemedizin besteht die Möglichkeit, sich schnell und effizient Informationen von Expertinnen und Experten zu holen. Ähnliches gilt für Blutdruckmessungen und Laborbefunde.

Probleme können sich bezüglich des Datenschutzes zeigen, da es sich auf ärztlicher Seite oftmals als kompliziert herausstellt, jene Zustimmungen zu erhalten. Weiters können Daten allein nicht beschreiben, wie die Patientin beziehungsweise der Patient das Medikament annimmt. Wird die Medizin korrekt eingesetzt? Wird sie überhaupt genommen? Ein Patienten-Arzt-Gespräch beschäftigt sich neben den medizinischen Daten und Fragen bezüglich eines bestimmten Medikaments ebenfalls mit Faktoren wie Emotion, Motivation und tatsächlicher Umsetzung, welche mittels telemedizinischer Datenerhebung kaum zu erheben sind.

 

Die Politik fordert: „Weg von den Ambulanzen, hin zu den niedergelassenen Ärzten!“

  • Wie sehen Sie diese Forderung in Bezug auf die Betreuung von Menschen mit Diabetes?
  • Sind die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ausreichend geschult?
  • Wie sollte die Betreuung für Menschen mit Diabetes Typ 1 aussehen?

Dr. Brath: Grob gesagt bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als sich auf niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zu beziehen, aus dem einfachen Grund, dass die Zahl an österreichischen Diabetikerinnen und Diabetikern zu hoch ist, um sie zur Gänze in Diabetesambulanzen unterzubringen. Vorteile, vor allem im Bereich Typ-2-Diabetes, bringt das Programm „Therapie Aktiv“. Die Idee dahinter, dass die Basisversorgung bei der niedergelassenen Ärztin beziehungsweise beim niedergelassenen Arzt beginnt und bei auftretenden Problemen an Spezialisten weitergeleitet wird, erfolgt nach einem gewissen Ebenen-Prinzip, wobei der Begriff „Ebene“ nicht auf Hierarchie verweist, sondern lediglich auf eine alternative Stufe der Hilfestellung. Als Schwierigkeit kann sich allerdings die Vernetzung zwischen den Ebenen herausstellen. Dennoch zeigt sich erneut der Vorteil der Telemedizin, dass nicht die Patientinnen und Patienten, sondern lediglich die Daten wandern.

 

Wir haben in Österreich das Glück, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Vergleich zu anderen Ländern über ein außerordentlich hohes Fachwissen verfügen. Zuzüglich hat jede Patientin beziehungsweise jeder Patient Gott sei Dank die Möglichkeit, die Arztpraxis selbst zu wählen und so auf eine Ärztin oder einen Arzt zu greifen, wo der Fokus erhöht auf dem Fachgebiet Diabetes liegt – besonders im städtischen Bereich. In ländlichen Gebieten sind Ärztinnen und Ärzte umso mehr gefordert, ein hohes Spektrum an Know-how zu besitzen. 

 

Ich persönlich bin der Meinung, dass Typ-1-Patientinnen und -Patienten zumindest eine gewisse Zentrumsbindung haben sollten, nicht unbedingt für die Ausstellung jedes Rezepts und jeder Verordnung, aber durchaus, um eine qualitative Beratung zu erhalten.

 

Prävention ist aktuell ein angesagtes Medienthema. Was wird in Sachen Diabetesprävention umgesetzt?

  • In welcher Altersgruppe stellt man sich vor, Diabetesprävention anzusetzen und Lifestyle-Modifikation durchzuführen?
  • Wo soll das passieren?
  • Gibt es Ihrer Meinung nach genug Druck auf die politischen Instanzen in Bezug auf Diabetesprävention und Diabetesschulung und wenn ja, von welcher Seite?

Dr. Brath: Prävention ist ein enorm wichtiges Thema – nach dem Motto: „Die beste Krankheit ist die, die man gar nicht erst bekommt.“ Prävention einer Diabetes-Typ-2-Erkrankung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Primärprävention beginnt bereits im Kindergarten oder in der Schule mit der Aufgabe, a) Kindern verständlich zu machen, wofür wir unseren Körper, unsere Muskulatur und Bewegung brauchen und b) Kindern in jungen Jahren die Freude an Bewegung zu vermitteln und zu fördern. Bei der Aufklärung von Erwachsenen ist vor allem die Politik gefordert. Programme wie „Cities Changing Diabetes“ setzen daran, die Infrastruktur so zu ändern, dass diese zu einer erfolgreichen Prävention führt. Eine Studie zeigt, dass Bewohnerinnen und Bewohner von Vierteln, in denen Gehen attraktiver ist als mit dem Auto zu fahren, weniger anfällig sind, an Diabetes zu erkranken. Ein weiteres Beispiel wäre das Fahrradfahren. In Graz wurde vor 40 Jahren das Radfahren stark gefördert, wodurch bestimmt tausende Diabeteserkrankungen verhindert werden konnten.

 

Der zweite Faktor ist natürlich die Ernährung: Eine gesunde Ernährung sollte einerseits attraktiver sowie andererseits auch preisgünstiger als Fast Food sein, welches besonders in Städten hinter jeder Ecke wartet. Es ist kaum möglich, einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern zuzumuten, dass sie mehr Geld und Zeit für gesündere Ernährung investiert. 

 

Bei der Sekundärprävention stellt sich die Aufgabe, bei bereits erkrankten Patientinnen / Patienten Folgeschäden zu verhindern. Der wichtigste Punkt hierbei ist natürlich die Schulung. Jede Patientin/jeder Patient hat das Recht auf Schulungen und sollte dieses auch wahrnehmen. Wenn man nicht weiß, wie die Dinge zu laufen haben, kann man sie auch nicht korrekt umsetzen. 

 

Diabetesschulung ist Grundlage für eine gute Lebensqualität.

  • Wie sieht die Hinführung, Begleitung und das Lifestyle-Feedback bei Jugendlichen und jungen erwachsenen Menschen mit Diabetes aus, vor allem wenn sie nicht mehr in die Betreuung der Diabetesambulanzen für Kinder und Jugendliche gehören?

Dr. Brath: Korrekte Schulung ist die Basis dafür, dass eine Patientin/ein Patient den Diabetes selbst in die Hand nehmen kann. Wenn jemand nicht zu lesen gelernt hat, wird er den Inhalt des Buches nicht verstehen. Wenn also eine Diabetikerin/ein Diabetiker keine Basisschulung hat, kann sie/er sich selbst auch nicht adäquat um den Diabetes kümmern. Wir wissen genau: Wenn die Diabeteserkrankung gut behandelt wird, hat man auch tatsächlich eine sehr gute Lebensqualität. Wenn also sowohl die Patientinnen/Patienten als auch das System selbst an einem korrekten Umgang mit der Krankheit arbeiten, wird weder die Lebensqualität noch die Lebensdauer eingeschränkt.

 

Bezüglich junger Erwachsener mit Diabeteserkrankung ist von einer sogenannten Transitionsphase die Rede, welche als die kritischste Periode in Bezug auf glykämische Kontrolle gilt. In der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter läuft der Zucker meist schlechter als im Kindes- und im späteren Erwachsenenalter. Es gilt, erhöhten Fokus auf genau diese Phase zu legen. Ich bin der Meinung, dass wir noch viel besser zusammenarbeiten müssen: Selbsthilfeorganisationen, Ärztinnen/Ärzte, Kinderkliniken, Betroffene und Spezialabteilungen. Es existieren allerdings schon Konzepte wie beispielsweise „Fit for Life“, wo junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren optimal auf ihr Erwachsenenleben vorbereitet werden. Weiters bleibt den Jugendlichen selbst die Wahl, welche Ambulanz sie in Zukunft besuchen werden. Ich halte es für wenig sinnvoll, wenn die betreuende Ärztin beziehungsweise der betreuende Arzt seine jugendlichen Patientinnen und Patienten von Diabetesambulanz A zu Diabetesambulanz B schickt, ohne der Patientin/dem Patienten eine Wahl zu lassen. Die Chemie ist ein wichtiger Faktor und muss stimmen. Patientinnen und Patienten sollen sich bei der behandelnden Ärztin beziehungsweise beim behandelnden Arzt wohlfühlen, da das essenziell für die weitere Entwicklung der Erkrankung ist – was natürlich nicht bloß für jugendliche Diabetikerinnen/Diabetiker gilt, sondern für jeden. 

 

Ich betone erneut: Wir haben Gott sei Dank die Möglichkeit der freien Arztwahl und sollten davon auch Gebrauch machen. Die Chemie muss von beiden Seiten stimmen.

 

Haben Sie persönlich Wünsche oder Hoffnungen bezüglich der Entwicklung?

Dr. Brath: Generell muss man sagen, dass wir nicht wissen können, wohin die Reise führt. Da jeder elfte erwachsene Österreicher an Diabetes erkrankt, ist es eine der wichtigsten erkannten Erkrankungen in diesem Land, und wir wissen, dass wir durch eine gute Therapie sehr viel an Leid, aber auch an Kosten reduzieren können. Wir hoffen dadurch, dass in Zukunft noch häufiger Schulungen angeboten werden, aber auch innovative Medikamente, die bewiesen haben, künftige Spätschäden zu verringern, vermehrt und einfacher verschrieben werden. Am teuersten im System ist eine Patientin/ein Patient, die/der Komplikationen entwickelt. Das gilt es zu verhindern.

 

Was wünscht sich die Ärzteschaft von der Selbsthilfe, um die Diabetesaufklärung und Versorgung von Diabetespatientinnen und -patienten optimieren zu können?

Dr. Brath: Das Motto lautet: Gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn die Ärzteschaft und Selbsthilfeorganisationen gemeinsam arbeiten, bin ich mir sicher, dass einiges vorangehen kann. Weiters wünsche ich mir aus drei Gründen, dass Selbsthilfeorganisationen noch lauter werden. Erstens, dass der Weg zur Selbsthilfe von Betroffenen noch leichter gefunden wird. Weiters ist es wünschenswert, dass die angebotenen Programme, wie Trainings, auch tatsächlich von den Patientinnen und Patienten angenommen werden. Der dritte Punkt ist das Vorwissen. Am angenehmsten sind meistens die Diabetespatientinnen und -patienten, die sich bereits im Voraus informieren und schon über wichtiges Wissen verfügen.

 

Wie sehen Sie den aktuellen Stand der Diabetesforschung?

Dr. Brath: Uns sind in den letzten Jahren tatsächlich große Durchbrüche gelungen. Medikamente verfügen über einen Mehrwert, sie können mehr als nur den Blutzuckerspiegel senken. Das Risiko einer Nierenverschlechterung kann halbiert werden, und auch eine Senkung von Herzinfarkt-Risiken waren vor einigen Jahren kaum vorstellbar. 

 

Generell bin ich optimistisch, dass die Forschung in den kommenden Jahren weiterhin eine Vielzahl von umsetzbaren Erkenntnissen liefern wird. 

Herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch.