Hallo Doc! Meine gemessenen Werte sind gut, mein HbA1c-Wert nicht - wie ist das möglich?

Dr. Susanne PusarnigDr. Susanne Pusarnig, Ärztin für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Diabetes mellitus und DMP (Disease Management Programm), beantwortet in MEIN LEBEN Patientenfragen

Frage: Ich bin Typ-2-Diabetikerin, 70 Jahre, Diabetes seit ca. 20 Jahren, Tabletten. Eigentlich habe ich meinen Diabetes nie so ernst genommen. Seit aber mein Hausarzt HbA1c-Messungen durchführt, habe ich mir BZ-Teststreifen zugelegt und messe hie und da. Meine gemessenen Werte sind immer gut (150-200), aber mein Arzt sagt, der HbA1c ist zu hoch. Wie kann es so etwas geben? 
Frau E. Sch.

Liebe Frau Sch.,
ich finde es gut, dass Sie begonnen haben, Ihren Blutzucker selbst zu messen! Ist doch interessant, nicht wahr? Das Messgerät zeigt nicht immer die Werte, die man erwartet, er- hofft oder befürchtet hat. Daraus kann man viel über seinen Diabetes lernen.

Ihr Hausarzt sagt, Ihr HbA1c ist „zu hoch“. Wie hoch ist er denn? Schauen Sie doch einmal auf Ihre letzten Laborbefunde.

Wenn man sagt, der Wert ist „zu hoch“, dann muss erst einmal klar sein: Was  wäre denn  ein guter Wert? Wo liegt der HbA1c bei  einer „guten“ Diabetes-Einstellung? Und: Was wäre denn der richtige HbA1c-Bereich genau für SIE?

Hinweise darauf findet man in den Empfehlungen der „Österreichischen Diabetes-Gesellschaft“, das ist die Fachgesellschaft der österreichischen Spezialisten für Diabetes. In ihren Leitlinien (www.oedg.org/pdf/1301_oedg_PocketGuide_Diabetes.pdf) geben sie fundierte Empfehlungen zur Behandlung des Diabetes. In den aktuellen Leitlinien heisst es zum Thema HbA1c: „Die Zielwerte sollten individuell an den jeweiligen Patienten in einem Bereich von 6,5 % bis 8 % angepasst wer- den.“ Dabei gilt:  Für junge Patienten ohne zusätzliche  Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann ein Wert unter 6,5 empfohlen werden, wenn das ohne große Gefahr von Unterzuckerungen (Hypos) erreicht werden kann. Sonst reichen durchaus Werte von bis zu 7 % um von einer wirklich guten Diabetes-Einstellung sprechen zu können. Wenn Sie aber viele andere gesundheitliche Probleme haben, oder wenn Sie schwere Unterzuckerungen gehabt haben, darf der Wert sogar bis zu 8 % betragen.

Für Sie, als 70-jährige Diabetikerin, könnte also das Ziel für das HbA1c heissen: „Er sollte unter 7 % bis eventuell 7,5 % liegen“.

Sie meinen, Ihre Zuckerwerte passen nicht zum HbA1c. Aber: Aus „hin und wieder“ gemessenen Werten kann man nicht ableiten, wie hoch der HbA1c ist. Der HbA1c-Wert entsteht ja aus dem Durchschnitt der Zuckerwerte von drei Monaten, mit dem ganzen Rauf und Runter, das Sie mit ein paar Messungen gar nicht überblicken können! Nur Leute, die sehr oft ihren Zucker messen und die nüchtern, vor dem Essen, nach dem Essen usw. messen, können sich aus ihren vielen Werten in etwa das HbA1c ausrechnen. Mit ein paar wenigen Werten funktioniert das nicht.

Also: Am besten klären Sie als Erstes mit Ihrem Arzt, was IHR Zielbereich für Ihren IHR HbA1c ist.

Und? Ist er wirklich zu hoch? Dann sollten Sie das als Hinweis nehmen, dass Ihre Behandlung des Diabetes nicht optimal ist, und sich das näher ansehen. Dabei helfen Ihnen Ihre Blutzucker-Tests. Sie schreiben, dass Sie „hin und wieder“ messen. Wann ist denn „hin und wieder“? Viele Leute messen fast nur morgens, nüchtern. Damit kann man keine Diabetes-Einstellung beurteilen, denn Ihr Zuckerwert ändert sich ja dauernd, je nachdem was und wie viel Sie essen, wie Sie sich bewegen, ob Sie sich gerade aufregen, …

Wenn Sie eher selten messen, haben Sie ja hoffentlich noch einige Teststreifen. Die könnten Sie dafür verwenden, sich einmal ein paar Tage lang genau anzusehen, was Ihr Zucker tagsüber so macht. Dazu messen Sie nüchtern vor dem Frühstück – und zwei Stunden danach, vor dem Mittagessen – und zwei Stunden danach, vor dem Abendessen – und zwei Stunden danach oder vor dem Schlafengehen. Machen Sie das an möglichst „normalen“ Tagen, verhalten Sie sich nicht „extra brav“! Bitte „erfinden“ Sie keine Werte – es kann leicht passieren, dass Sie den einen oder anderen Wert zu messen vergessen, das macht gar nichts!

Wie hoch sollten nun diese Werte sein? Auch da helfen uns die Empfehlungen der Fachgesellschaft: „Der Nüchtern-Zucker sollte unter 130 (ideal 110) mg% liegen, der Wert zwei Stunden nach dem Essen unter 180 mg%“. Na? Passen Ihre Werte?

Wenn Sie bei Ihren Tests stark abweichende Werte finden, besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt, ob man die Diabetes-Therapie verändern sollte. Vielleicht würde ja schon ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen bessere Diät helfen, die Werte zu verbessern? Probieren Sie es aus! Und messen Sie wieder ein oder zwei Tage lang! Dann haben Sie eine gute Grundlage für das Arztgespräch: Vielleicht passt die Stärke Ihrer Diabetes-Medikamente nicht, vielleicht brauchen Sie andere Tabletten? Ich wünsche Ihnen alles Gute und viele interessante Erfahrungen beim Zuckermessen!

Susanne Pusarnig