Arzneimittel-Wechselwirkungen mit Diabetes-Medikamenten

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Arzneimittelwechselwirkungen, auch Interaktionen genannt, treten dann auf, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden müssen. Dabei geht es nicht immer unbedingt um die Einnahme zur gleichen Tages- oder Uhrzeit. Viele Medikamente haben eine überaus lange Wirkdauer und verbleiben nach der Einnahme noch viele Stunden, manche sogar mehrere Tage, im Körper. Dadurch kommt es natürlich auch vermehrt zu Wechselwirkungen verschiedener Medikamente miteinander. Dass dieses Thema seit ein paar Jahren vermehrt auftaucht, liegt einerseits daran, dass es viele neue Medikamente mit immer wirksameren Inhaltsstoffen und längerer Wirkdauer gibt. Andererseits wurden erst in den vergangenen Jahren genauere Methoden zum Nachweis der verschiedenen Interaktionen entwickelt. Generell unterscheidet man zwischen zwei Arten von Wechselwirkungen:

  1. Pharmakodynamische Wechselwirkungen

Zwei verschiedene Wirkstoffe haben eine ähnliche Wirkung und verstärken zusammen eingenommen den jeweiligen Effekt. Nimmt man zum Beispiel ein blutzuckersenkendes Medikament ein und bekommt zusätzlich ein weiteres verordnet, so verstärkt sich die blutzuckersenkende Wirkung natürlich. Dies kann allerdings neben der erwünschten stärkeren blutzuckersenkenden Wirkung auch zu einer unerwünschten Hypoglykämie (Unterzuckerung) führen.

Genauso wie es zu einer Wirkungssteigerung kommen kann, ist es möglich, dass sich zwei Arzneimittel gegenseitig in ihrer Wirkung behindern oder auslöschen.

  1. Pharmakokinetische Wechselwirkungen

Bei dieser Art der Wechselwirkung verändert ein Arzneimittel die Aufnahme, die Ausscheidung oder den Abbau eines anderen. So können zum Beispiel blutdrucksenkende Medikamente die Wirkung von Diabetes-Medikamenten verstärken und so den Blutzuckerspiegel zusätzlich ungewollt senken. Allerdings ist durch einen beschleunigten Abbau oder eine schnellere Ausscheidung auch eine abschwächende Wirkung möglich. So beschleunigen zum Beispiel entwässernde Mittel die Ausscheidung von blutzuckersenkenden Medikamenten, wodurch es zu keiner ausreichenden Wirkung der Diabetes-Medikamente mehr kommt. Der Blutzuckerspiegel bleibt trotz Einnahme von Antidiabetika zu hoch.

Nicht nur die Einnahme mehrerer Medikamente beeinflusst deren Wirksamkeit, sondern auch verschiedene Lebensmittel. Gerade alltägliche Genussmittel wie Kaffee, schwarzer bzw. grüner Tee und Milchprodukte binden sehr häufig Arzneistoffe und hemmen dadurch ihre Aufnahme. Grapefruitsaft hingegen hemmt den Abbau vieler Medikamente im Körper und verlängert so deren Wirkung und damit leider auch deren Nebenwirkungen.

Da Antidiabetika zu den Dauermedikamenten gehören, kommt es häufig vor, dass zusätzlich noch andere Arzneimittel, zum Beispiel gegen Bluthochdruck oder Schmerzen, eingenommen werden müssen, welche zu unerwünschten Wechselwirkungen führen können.

Blutzuckersenkende Wirkung:
Hierzu gehören in erster Linie Blutdrucksenker aus den Klassen der Beta-Blocker, wie zum Beispiel Metoprolol, Bisoprolol oder Carvedilol, und ACE-Hemmer wie Lisinopril und Ramipril. Werden diese gleichzeitig mit Antidiabetika eingenommen, so kann es zu einem hypoglykämischen Schock, einer gefährlichen Unterzuckerung, kommen. Ebenso verschleiern Blutdrucksenker aus diesen beiden Gruppen die ersten Anzeichen einer nahenden Hypoglykämie zu denen Schwitzen, Herzklopfen und Schwindel gehören.

Dazu kommt es im Normalfall allerdings nur, wenn ein Blutdrucksenker neu verordnet worden ist. Bei einer fortlaufenden Therapie wird die Dosierung des Blutdrucksenkers an den Blutzuckerspiegel angepasst, um eine Hypoglykämie zu verhindern.

Trotzdem ist es empfehlenswert, den Blutzuckerspiegel häufiger zu kontrollieren, um sicherzugehen, dass man richtig eingestellt ist.

Neben den Blutdrucksenkern gehören auch Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (Aspirin®) und Metamizol (Novalgin) zu den Arzneimitteln, die den Blutzuckerspiegel unkontrolliert absenken. Hier kommt es allerdings erst bei sehr hohen Dosierungen zu einer ausgeprägten Blutzuckersenkung. Trotzdem ist es empfehlenswert, auf andere Schmerzmittel auszuweichen. Antibiotika, die häufig gegen Harnwegsinfektionen eingesetzt werden, wie Sulfonamide oder Tetracykline, gehören ebenso zu den blutzuckersenkenden Medikamenten wie Fluconazol, ein Mittel gegen Pilzinfektionen, oder Allopurinol, das Gichtanfällen vorbeugen soll. Auch eine Gruppe von Medikamenten zur Senkung von Blutfetten, die sogenannten Fibrate (Bezafibrat, Fenofibrat), führen zu einer Verstärkung der Antidiabetika. Besonders gefährlich ist Alkohol in Verbindung mit Diabetes-Medikamenten, da es zu einer verzögerten Unterzuckerung kommt, die erst viele Stunden nach dem Genuss von Alkohol auftritt. Eine moderate Menge an Alkohol zusammen mit einer kleinen kohlehydrathältigen Mahlzeit zeigt im Normalfall allerdings kaum spürbare Effekte.

Blutzuckererhöhende Wirkung:
Neben den Arzneimitteln, die eine Senkung des Blutzuckerspiegels bewirken, gibt es auch eine Reihe an Medikamenten, die den Blutzuckerspiegel ansteigen lassen oder die Wirkung von Diabetes-Medikamenten herabsetzen bzw. auslöschen.

Zu den Arzneimitteln, die zu einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels führen, gehören in erster Linie Schilddrüsenhormone und Cortisonpräparate. Diese können sogar zu einem völligen Wirkungsverlust der Antidiabetika führen. Bei einer notwendigen Therapie mit Glukokortikoiden, z. B. Prednison, ist es besonders wichtig, den Blutzuckerspiegel regelmäßig zu kontrollieren und die Dosierung der Antidiabetika anzupassen, da ein zu hoher Zuckerspiegel letztendlich zu einer Hyperglykämie, einem diabetischen Koma, führen kann. Auch Diuretika, die zur Entwässerung bei Ödemen und Herzschwäche oder Bluthochdruck eingesetzt werden, erhöhen den Zuckerspiegel. Antidepressiva, vor allem trizyklische Antidepressiva und Mirtazapin, sowie Antipsychotika, z. B. Clozapin und Quetiapin, bewirken häufig eine Gewichtszunahme durch Beeinflussung des Zuckerstoffwechsels, und es kommt zu einem Anstieg der Blutzuckerwerte.

Die häufigsten Antidiabetika im Überblick:

Metformin
Zu den in Österreich wahrscheinlich am häufigsten verschriebenen Antidiabetika gehört Metformin (Diabetex®, Glucophage® etc). Es verbessert die Aufnahme von Zucker aus dem Blut in das Muskelgewebe und verlangsamt den aktiven Transport von Zucker aus dem Darm. Iodhältige Röntgenkontrastmittel behindern die Ausscheidung von Metformin, und dieses sammelt sich im Körper an. Die erhöhten Mengen von Metformin im Blut begünstigen eine Laktatazidose, eine gefährliche Absenkung des Blut-pH-Wertes. Deshalb sollte Metformin ca. 48 Stunden vor der Gabe eines Röntgenkontrastmittels abgesetzt werden. Metformin in Kombination mit Glukokortikoiden, Diuretika und Schilddrüsenhormonen führt zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel.

Sulfonylharnstoffe
Die Vertreter dieser Arzneistoffklasse verstärken die Ausschüttung von körpereigenem Insulin aus der Bauchspeicheldrüse. Sulfonylharnstoffe werden, im Gegensatz zu Metformin, in der Leber aktiviert. Alle Arzneistoffe, die ebenfalls in der Leber mit Hilfe desselben Enzymsystems aktiviert werden, beeinflussen damit die blutzuckersenkende Wirkung der Sulfonylharnstoffe. Dazu gehören Beta-Blocker, salizylsäurehältige Schmerzmittel und Antibiotika, welche die blutzuckersenkende Wirkung verstärken und zu niedrigeren Zuckerspiegeln führen. Wie auch bei Metformin setzen Glukokortikoide, Schilddrüsenhormone und Diuretika die Wirkung herab, und der Blutzuckerspiegel steigt an.

Repaglinid
Der Wirkmechanismus von Repaglinid ist weitgehend mit dem der Sulfonylharnstoffe ident, zeichnet sich allerdings durch einen schnelleren Wirkungseintritt aus. Die Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln entsprechen dem der vorhin erwähnten Sulfonylharnstoffe. Einzig der Blutfettsenker Gemfibrozil darf nicht mit Repaglinid gemeinsam verabreicht werden, da die Ausscheidung von Repaglinid stark verlangsamt wird und eine zu starke blutzuckersenkende Wirkung zur Folge hat.

Glitazone
Pioglitazon (Actos®) wirkt durch eine gesteigerte Aufnahme des Blutzuckers in das umliegende Gewebe. Pioglitazon setzt die Wirkung der Antibabypille herab und darf außerdem bei Lebererkrankungen nicht eingesetzt werden.

 

Tipps für die Leser:

  • Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dass Wechselwirkungen auftreten.
  • Mit fortschreitendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Wechselwirkungen!
  • Bei neu verordneten Medikamenten immer besonders genau auf Wechselwirkungen achten, und öfter Blutzucker messen.
  • Auch rezeptfreie Medikamente wie Aspirin® und Nahrungsergänzungsmittel können Wechselwirkungen auslösen.
  • Die korrekte Einnahme von Medikamenten ist wichtig, um die Wirkung zu optimieren.
  • Bei Unsicherheiten die Beratung beim Arzt oder in der Apotheke suchen und eine Liste aller verordneten Medikamente mitnehmen.

 

Mag. Karoline Sindelar, Apothekerin in Wien