Der diabetische Fuß

Als Anpassung an den aufrechten Gang weist der menschliche Fuß eine hohe anatomische und funktionale Komplexität auf. Gehen ist für uns alle selbstverständlich. Kommt es jedoch zu Veränderungen der anatomischen und funktionalen Komplexität, bedeutet dies eine hochgradige Einschränkung unserer Lebensqualität. Das Selbstverständliche, das Normale ist mit einem Schlag verloren.

Der „diabetische Fuß“ ist ein Wegbereiter, das Normale zu verlieren.

 

Weltweit sind derzeit ca. 425 Millionen Menschen an Diabetes mellitus (DM) erkrankt, davon 58 Millionen in Europa. In Österreich sind knapp 600.000 Menschen betroffen*. Bis 2045 wird die Anzahl der Diabetiker auf geschätzte 629 Millionen ansteigen!

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, welche sich auf viele Bereiche des Körpers auswirkt. Folgeerkrankungen und Schäden durch einen nicht ausreichend behandelten Diabetes können viele Organe betreffen.

Die Kontrolle der Blutzuckerwerte (Tagesprofile und HbA1c -Werte) geben uns Aufschluss über die aktuelle Stoffwechselsituation, sie sind aber auch in der Prognose für etwaige Komplikationen, somit auch für den „diabetischen Fuß“, von großer Bedeutung.

 

Das diabetische Fußsyndrom 

Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist eine Folge von Komplikationen des Diabetes mellitus, die zu einer Beeinträchtigung der Mobilität und der Lebensqualität führen können. Die gefürchtetste Konsequenz ist die Extremitätenamputation bis hin zu einem tödlichen Ausgang.

Entscheidend für das weitere Verständnis des DFS ist, dass bereits bei der Diagnosestellung DM auch das DFS vorhanden ist, latent, ohne Krankheitsveränderungen, ohne Symptome – INAKTIVE PHASE. Jedoch 20 % der betroffenen Diabetiker treten in das Vollbild des DFS ein, in die Manifestation – AKTIVE PHASE. Hier ist bereits die Schwiele an der Fußsohle als erstes Krankheitssymptom zu werten. Nach dem erstmaligen Auftreten von Komplikationen besteht das manifeste DFS lebenslang, da es bisher nicht gelungen ist, die zugrunde liegenden Diabeteskomplikationen zu heilen (Amstrong u. Mills 2013).

In der Entstehung des DFS spielen hauptsächlich zwei Faktoren eine entscheidende Rolle: einerseits eine reduzierte Schmerzempfindung im Anfangsstadium als Verlust eines Schutzmechanismus als Folge von Schädigungen peripherer Nervenfasern (Neuropathie) und andererseits periphere Durchblutungsstörungen (Mikroangiopathie).

Die Mechanismen, die bei DM zu den Veränderungen an den Nerven und Gefäßen führen, sind nach wie vor nicht eindeutig geklärt. Intensive Forschungen werden weltweit vorangetrieben. Unbestritten ist jedoch, dass eine enge Verbindung zum Blutzuckerspiegel besteht. Die Veränderungen an Nerven und Gefäßen sind umso ausgeprägter, je höher der BZ-Spiegel, je höher der HbA1c-Wert im Blut ist.

Der „gesunde Fuß“ ist so widerstandsfähig angelegt, dass Schäden, Verletzungen, Entzündungen zwar regelmäßig im Zuge der täglichen Belastungen entstehen, aber ohne Folgen repariert werden. Der DF hingegen kann, bedingt durch die Nerven- und Gefäßveränderungen, einerseits die Schädigungen der Umwelt durch die resistenzmindernden Bedingungen nicht wahrnehmen (vornehmlich durch die Störung der Schmerz- und Temperaturempfindung), andererseits sind die reparativen Mechanismen (z. B. die Wundheilung) stark beeinträchtigt. So erklärt sich auch das bunte Bild an Symptomen und die Herausforderung, das DFS zu begleiten und zu behandeln. Zusätzlich zum DFS, sei es im Stadium der Inaktivität (Latenzphase) oder der Aktivität (Manifestation), spielen natürlich alle Erkrankungen anderer Organsysteme eine entscheidende Rolle. 

Sich lediglich auf das DFS vor Ort zu konzentrieren, kann als fataler Fehler angesehen werden. Einerseits spielen natürlich die Lebensstilsituationen (berufliche und familiäre Belastungen, Freizeitverhalten, Sportaktivitäten, Nikotinabusus, Alkoholismus, Übergewicht, Drogenkonsumation etc.) eine große Rolle, andererseits aber auch krankhafte Veränderungen am Skelettsystem des Fußes (z. B. Fehlstellungen an den Großzehengrundgelenken – „Hallux“), der Venen (Krampfadern), des Lymphsystems  (Lymphödem) oder der Haut (z. B. Pilzinfektionen). Die Forderung in der Beurteilung des DFS obliegt somit nicht nur auf der Beurteilung des Fußes per se, sondern auch in der Beurteilung der Übergangszonen (der Beine, der Haut, der Hautanhangsgebilde – folglich des ganzen Körpers).

Die Führung und Leitung des „DFS heute“ ist als ganzkörperliches Management anzusehen, sei es in der Latenzphase, sei es im Vollbild des DFS, in der Manifestation.  Hier sind nicht nur der behandelnde Arzt, der Orthopädieschuster, die Diabetesberater, die Diätologen, die Gilde der Podologen und Fußpfleger, die Selbsthilfe, sondern auch der Patient in seiner Eigenverantwortung gefordert. Früherkennung, Prävention, Kontrolle und Beratung spielen somit eine tragende Rolle.

Wird die Diagnose DM gestellt, ist unverzüglich ein „diabetischer Fußcheck“ durchzuführen, der dem Betroffenen Auskunft über seinen „IST“-Zustand gibt und ein Risikoprofil erstellt.

Der DF-Check umfasst eine Abklärung der Risikofaktoren, beinhaltet eine klinische Untersuchung und gibt die weiteren Kontrolltermine vor. Veränderungen werden dokumentiert und falls erforderlich, werden die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen (z. B. orthopädische Einlagen zur Druckpunktentlastung) eingeleitet.

Ein wesentlicher Bestandteil des DF-Check ist die Beratung der Betroffenen. Schon die Empfehlung, welche Fußcreme zu verwenden ist, stellt eine Herausforderung dar, die durch das Angebot der Diskontdrogerien nicht gelöst werden kann und unter Umständen zu gesundheitsgefährdenden Folgen führen kann.

 

Nichts darf beim DFS dem Zufall überlassen werden, nichts darf bagatellisiert werden.

 

Früherkennung und Vorsorge beim DFS, ernst genommen, werden verhindern, dass Ihnen Lebensqualität und Mobilität abhandenkommen; der aufrechte Gang wird für Sie weiter selbstverständlich bleiben!