Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Susanne Kaser

Sie sind seit 2020 neue Präsidentin der ÖDG, der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Welche Bereiche sind Ihnen besonders wichtig, und welche Schwerpunkte werden Sie in dieser Funktion setzen?

Das Mission Statement der ÖDG lautet, dass wir es als unsere Aufgabe ansehen, Gesundheit und Lebensqualität von Menschen mit Diabetes mellitus zu verbessern. Daraus leiten sich die entscheidenden Wirkbereiche unserer Fachgesellschaft ab. Wir werden sehr aktiv versuchen, uns in die gesundheitspolitische Diskussion über die zukünftige Versorgung aller Menschen mit Diabetes mellitus einzubringen. „Therapie Aktiv“ muss ausgebaut werden; eine flächendeckende, hochqualitative Versorgung aller Patienten muss gewährleistet und eine zweite Versorgungsebene zur Durchführung komplexer Therapien unter Berücksichtigung etwaiger Komorbiditäten implementiert werden. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der nächsten 2 Jahre wird sein, die Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes endlich zu beenden. Die Gründung des Dachverbandes „Wir sind Diabetes“ war ein wichtiges Signal in Richtung Politik; wir hoffen, dass wir gemeinsam die Wahrnehmung für diese Erkrankung in der Öffentlichkeit verbessern können. Ganz entscheidend ist auch die Forschungsförderung vor allem von jungen Kolleginnen und Kollegen, gerade jetzt, wo die OeNB die Forschungsförderung für den medizinischen/naturwissenschaftlichen Bereich eingestellt hat.

 

Im vergangenen November fand der alljährliche Diabetes-Kongress in Salzburg statt. Dabei wurden Themen angesprochen wie: Diabetes vernetzt: Technologien – Disziplinen – ÄrztInnen/PatientInnen – Forschung und Praxis. Welche Themen sind für Sie vorrangig?

Ich würde diese Themenblöcke nicht isoliert betrachten wollen; sie gehören alle zusammen, weil am hoffentlich erfolgreichen Ende eine optimale Diabetesversorgung steht. Jeder einzelne Baustein ist wichtig; eine Digitalisierung soll genauso wie die Multidisziplinarität oder Forschung zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung beitragen. 

 

Diabetes ist ja eine Volkskrankheit, daher ist die Information der Bevölkerung von wesentlicher Bedeutung: Wo sehen Sie einen Verbesserungsbedarf in der Aufklärung über Notwendigkeiten und Risiken einer Diabeteserkrankung?

Momentan ist es so, dass Diabetes mellitus in der Öffentlichkeit nicht als ernstzunehmende Erkrankung, sondern eher als harmlose Lebensstilerkrankung dargestellt wird. Dies ist nicht nur fachlich komplett falsch, sondern auch gefährlich, wenn wir an die notwendigen Strukturen in der Patientenversorgung und Prävention denken. Durch verschiedene Kampagnen und Gespräche mit Vertretern der Gesundheitspolitik möchten wir eine Richtigstellung erreichen; nur so kann es gelingen, die notwendigen Ressourcen erfolgreich einzufordern.

 

Personalisierte Diabetestherapie ist ein Begriff, welcher in letzter Zeit großes mediales Echo erfährt. Was bedeutet das, und wie stehen Sie dazu?

Die Personalisierung ist wahrscheinlich der größte Fortschritt in der Medizin in der letzten Zeit gewesen. Für mich bedeutet das, dass wir unseren Patienten eine maßgeschneiderte Therapie anbieten können: größtmögliche Effizienz bei optimaler Verträglichkeit. Aus diesem Grund ist eine personalisierte Therapie enorm wichtig und darf keinem Patienten vorenthalten werden.

 

Eines unserer Schwerpunktthemen in diesem Jahr sind kardiovaskuläre Risiken im Zusammenhang mit Diabetes. Können Sie uns etwas zur Notwendigkeit der größeren Beachtung dieses Zusammenhangs erklären?

In den letzten Jahren haben wir viel über kardiovaskuläre Risiken der Diabeteserkrankung gesprochen; dies hat sich daraus ergeben, dass sich für einige Substanzen zum Teil sogar unerwartet eine Risikoreduktion unabhängig von der Blutzuckersenkung gezeigt hat. Letztendlich wollen wir ja nicht nur den Blutzucker senken und einen schönen HbA1c-Wert auf dem Laborzettel sehen; Ziel ist, Folgeerkrankungen zu verhindern. Die kardiovaskulären Folgeerkrankungen sind natürlich aufgrund der Häufigkeit und Schwere sehr wichtig und daher in der Öffentlichkeit präsent. Nichtsdestotrotz dürfen wir andere assoziierte Erkrankungen nicht aus dem Auge verlieren; auch auf dem Gebiet der diabetischen Nierenerkrankung hat es tolle Fortschritte durch Einführung der SGLT-2-Inhibitoren und auch GLP-1-Rezeptor-Agonisten gegeben. Es bleibt zu hoffen, dass es ähnliche Fortschritte in der nahen Zukunft auch für andere wichtige Erkrankungen wie zum Beispiel die diabetische Neuropathie gibt. 

 

Trotz großer Fortschritte in der Diabetesforschung und -behandlung benötigen Betroffene unglaublich viel Unterstützung neben der medizinischen Schulung. Schlagworte: Ernährung, Bewegung, Lebensstilmodifikation. Die Selbsthilfegruppen sind hier neben allen diabetesbezogenen Berufsgruppen an vorderster Stelle für die Menschen da. Was fehlt im Gesundheitssystem, wenn wir hier einen so großen Bedarf erkennen können?

Es fehlen die notwendigen Strukturen für eine effiziente und kompetente multi- und interdisziplinäre Betreuung – dies ist eine wichtige und langjährige Forderung der ÖDG. Dieses Thema wird auch in der Diabetesstrategie als Ziel genannt; leider lässt die Umsetzung noch auf sich warten, wir werden aber nicht leise werden, diese schnellstmöglich einzufordern. Unsererseits Dank und großen Respekt an alle, die sich in den Selbsthilfegruppen so kompetent und uneigennützig engagiert haben und hoffentlich auch weiter engagieren und auch auf Versäumnisse der Gesundheitspolitik aufmerksam machen! Gemeinsam mit den Selbsthilfeorganisationen kann es uns gelingen, zu einer substanziellen Verbesserung der Versorgungsstrukturen beizutragen. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.