FIT FÜR DIE SCHULE?

kindJedes Jahr beginnen geschätzt etwa 100–150 bereits an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankte Kinder in Österreich ihre Schullaufbahn, andere Kinder erkranken im Verlauf ihres Schülerlebens neu an Diabetes (vgl. Rami-Merhar et al. 2016). Dadurch kommt es im Bereich der Schule zu Herausforderungen und Hürden. Beim (Wieder-)Eintritt in das Schulsystem werden die Kinder und ihre Familien oft mit Angst und Unverständnis konfrontiert. Die Familien sind auf den guten Willen, die Hilfsbereitschaft und das Engagement von Direktorinnen und Direktoren, Pädagoginnen und Pädagogen angewiesen, damit ihr Kind in der Schule entsprechend unterstützt bzw. supervidiert wird.

Diabetes mellitus Typ 1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter (Bartus, Holder 2012, S. 38). Es ist eine lebenslange Erkrankung, daher werden die Eltern (und Kinder) im Rahmen einer strukturierten Diabetesschulung sowohl theoretisch als auch praktisch geschult. Bereits ab dem Vorschulalter können Kinder aktiv in die Therapie miteinbezogen werden, z. B. können selbstständige Blutzuckerkontrolle oder Mithilfe bei der Insulinabgabe dabei erste kleine Schritte im Selbstmanagement sein. Die Verantwortung liegt jedoch immer in der Hand der Eltern.

Gruppentraining „Fit für die Schule” 

Der Schuleintritt ist für alle Kinder ein wichtiges Ereignis, worauf sie sich lange freuen und im letzten Kindergartenjahr bereits vorbereiten. Kinder mit Diabetes sind geistig und körperlich genauso leistungsfähig wie andere Kinder. Um die zukünftigen Schulkinder gut auf ihren Schulbesuch vorzubereiten, wurde vor sieben Jahren an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH Wien das Gruppentraining „Fit für die Schule“ implementiert.
Primäre Zielgruppe des Gruppentrainings sind Kinder mit Diabetes mellitus Typ 1, die im laufenden Jahr in die Schule kommen werden. Das Training findet an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Es können max. zehn Kinder am Training teilnehmen. Es sind zumindest eine Diabetesberaterin, die Psychologin und der Diätologe des Diabetesteams an beiden Tagen durchgehend anwesend.

Das Programm der zwei Tage ist in unterschiedliche Einheiten eingeteilt. Es finden Kennenlernspiele, Bewegungsspiele, Rollenspiele mit möglichen Schulsituationen sowie Einheiten zu den Themen Hypo- und Hyperglykämie und Bewegung statt. Blutzuckermessen, Insulinabgeben und gemeinsames Essen gehören ebenso zum Programm. Es wird gemeinsam ein Buffet vorbereitet, das als Abschluss gemeinsam mit den Eltern aufgegessen wird. Im Rahmen dieser Kocheinheit werden die Auswirkungen verschiedener Nahrungsmittel auf den Blutzuckerverlauf mit den Kindern spielerisch erarbeitet und besprochen. Es werden nur Schulungsinhalte vermittelt, die die Kinder im Alltag praktisch benötigen. Als Höhepunkt des Gruppentrainings wird ein Ausflug gemacht, dessen Ziel es ist, den selbstbewussten Umgang mit Diabetes mellitus Typ 1 in der Öffentlichkeit zu üben.

Globalziel des Trainings ist, innerhalb von zwei Tagen alle Fertigkeiten zu trainieren, die für die Schule und das stundenweise nahezu selbstständige Management des Diabetes nötig sind. Die meisten Kinder, die am Training teilnehmen, können dieses Ziel erreichen, benötigen jedoch eine begleitende Unterstützung und Supervision durch Erwachsene.

Kinder mit Diabetes mellitus Typ 1 in der Schule

Die betroffenen Kinder brauchen in der Regel etwas mehr Hilfe und Unterstützung durch ihre Pädagoginnen und Pädagogen als Kinder ohne Diabetes mellitus. Diese Hilfestellungen sind kleine Erinnerungen, Rücksicht auf notwendige Therapiemaßnahmen, Supervision von Blutzuckermessergebnissen bzw. Insulindosierungen, Basiswissen in Erster Hilfe und in erster Linie Verständnis. Medien berichten immer wieder über ernste Probleme von Schulkindern mit Diabetes mellitus Typ 1.

Die rechtliche Lage in Österreich stellt sich komplex dar. Die Zuständigkeiten werden seit Jahren zwischen Bildungs- und Gesundheitsministerium hin- und hergeschoben (ÖDG-Presseaussendung 2016). Viele Probleme entstehen auch aus Angst vor rechtlichen Folgen.
Während des Unterrichts befinden sich Schülerinnen und Schüler in der Obhut der Pädagoginnen und Pädagogen, die Obsorgeverpflichtung und Verantwortung für das gesundheitliche Wohl der Schülerinnen und Schüler geht auf die Schule über. Diese Obsorgeverpflichtung beinhaltet z. B. die Erinnerung an notwendige Blutzuckermessungen, die Supervision bei der Insulinabgabe und ausreichend Zeit, um die vorgesehenen Kohlenhydrate zuzuführen.

Klar geregelt ist die Verpflichtung zur Leistung von Erster Hilfe. Bei einem Unglücksfall ist jeder und jede dazu  verpflichtet. Dazu gehört auch das richtige Erkennen von Über- und Unterzuckerung sowie deren Behandlung. Am 28. 6. 2017 wurde das Bildungsreformgesetz beschlossen. In diesem Gesetz wird in § 66b die Übernahme von übertragenen Tätigkeiten laut ÄrzteG 1998, § 50a Abs. 1, durch Lehrkräfte als Ausübung von deren Dienstpflichten beschrieben. Somit kann die Pädagogin/der Pädagoge z. B. die Insulinabgabe mittels Insulinpumpe übernehmen. Das setzt jedoch die Schulung durch eine Medizinerin/einen Mediziner oder eine Pflegeperson voraus und beruht auf Freiwilligkeit. Ungelöst ist aber das Problem, falls die Pädagogin/der Pädagoge diese Unterstützung ablehnt. Schulungen von Pädagoginnen und Pädagogen sind bereits möglich, diese sollten in ganz Österreich selbstverständlich sein und auch finanziert werden.

Eine große Chance zur Unterstützung könnte die Etablierung der Schulgesundheitspflege sein, hier gilt es deren Aufgaben, Ziele und Anforderungen genau zu definieren und entsprechende Dienstposten zu schaffen. Die Schulgesundheitspflege könnte gemeinsam mit den Schulärztinnen und Schulärzten eine gute Möglichkeit der Unterstützung von Kindern mit Diabetes mellitus Typ 1 in der Schule sein.