Hallo DOC! Schlechte Wundheilung bei Diabetes?

FotoDr. Ernst Luchner, Diabetes-Schulungsarzt in Salzburg, beantwortet in MEIN LEBEN persönliche Fragen der Leser

Frage: Ich habe gehört, dass bei Menschen mit Diabetes die Wunden schlechter heilen. Warum ist das so, und wes kann man dagegen tun? 

Die Wundheilung ist ein sehr komplexer Vorgang, welcher auch bei Gesunden das Vorhandensein einer Vielzahl von Faktoren voraussetzt. Zu einer normal ablaufenden  Wundheilung benötigt der Körper eine ganze Reihe von Körperzellen, Botenstoffen, wie Wachstumsfaktoren, sowie einen reibungslosen Ablauf des Abbaues von zerstörtem Gewebe. Gleichzeitig muss fein abgestimmt der zeitlich ineinander greifende Vorgang des Aufbaues von neuem Gewebe oder Ersatzgewebe ablaufen. Dieser Gewebsaufbau kann durch Keime oder falsche oder mangelnde Botenstoffe empfindlich gestört werden. Im Zentrum dieses Mangels steht die Gefäßverengung mit zu geringer Blutversorgung an das betroffene Gewebe ,welches nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie  Zellen versorgt wird.

Diabetiker haben einen  dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel und damit folgt bei ungenügender Einstellung der Stoffwechsellage nicht nur eine Schädigung der Gefäße im Sinne einer Arterienverkalkung sondern auch die diabetische Nervenschädigung. Dann kommt es vor, dass Empfindungen wie Berührung, Schmerz, Kälte und Wärme  nicht mehr weitergeleitet werden und damit ein wesentliches Warnsystem für den Menschen entfällt. So kann allein durch die Druckwirkung eines zu engen Schuhs bei schlechter Blutversorgung – ohne Schmerzwahrnehmung – ein Druckgeschwür am Fuß entstehen.

Durch das Nervensystem werden ja nicht nur die Empfindungen weitergeleitet sondern beispielsweise auch unsere Schweißdrüsen und die Hautdurchblutung beeinflusst. Diese Fehlfunktion bewirkt häufig eine viel zu trockene Haut und damit entstehen kleine Risse, durch die Keime eintreten können und Infektionen ausgelöst werden. Ist die Haut als erste oberflächliche Abwehrschicht unseres Körpers erst einmal überwunden, muss dieser auf andere Mechanismen wie eben die Abwehr durch weiße Blutzellen und zahlreiche Gewebssubstanzen wie bestimmte Eiweiße zurückgreifen. Genau dazu benötigt der Körper aber funktionierende Blutgefäße, denn nur dadurch kann alles in ausreichender Menge überhaupt in ein Wundgebiet gelangen und auch abtransportiert werden.

Ein erhöhter Blutzucker ist zusätzlich ein wunderbarer Nährboden für Keime. Somit ist  die Normalisierung des Blutzuckerspiegels für die Wundheilung ein ganz zentrales Element einer gezielten Therapie. Alle diese Faktoren führen dazu, dass die Wundheilung deutlich verzögert abläuft aber auch, dass sich kleine Verletzungen sehr  viel leichter infizieren als bei normalen Blutzuckerwerten.

Abschließend kann festgehalten werden, dass auch kleine entstandene Wunden bei Diabetikern keine Bagatellverletzung darstellen sondern immer sorgfältig kontrolliert und  auch behandelt werden müssen. Diese werden z. B. bei Vorhandensein eines Diabetischen Fußsyndroms in ihrer Dimension oft erst spät erkannt und können bei Ausbreitung einer Infektion im schlechtesten Fall leider auch eine Amputation von Gliedmaßen erforderlich machen bzw. sind mit mehrwöchigen Aufenthalten im Spital verbunden.

Somit sind die Vorsorge durch eine optimale Blutzuckereinstellung, das Erkennen und die Behandlung von eventuell bestehenden Gefäßproblemen und eine  gute Selbstbeobachtung wie z. B. die tägliche Fußinspektion aber auch die richtige Pflege einer zu trockenen, rissigen und damit  gefährdeten Haut für die Erhaltung Ihrer  Gesundheit unbedingt notwendig. Eine einmal entstandene, nicht heilen wollende, infizierte Wunde benötigt nämlich ungleich mehr zeitlichen Aufwand und ein hoch qualifiziertes Therapie-Management und ist auch trotz intensivster Bemühungen nicht immer durch die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes gekrönt.