Hallo Doc! Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten für unsere Typ-2-Patienten

Die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten für unsere Typ-2-Diabetes-Patienten haben sich in den letzten Jahren nicht nur vergrößert, sondern vielmehr auch deutlich verbessert.

Wir wissen, Typ-2-Patienten haben in unterschiedlicher Ausprägung bezüglich ihres Blutzuckers immer zwei Problemstellungen im Zentrum: erstens die reduzierte Insulinempfindlichkeit – INSULINRESISTENZ – und zweitens das RELATIVE INSULINDEFIZIT. Beide Punkte können durch die altbekannten Lebensstilmaßnahmen verbessert werden. Vermehrte körperliche Aktivität und Gewichtsreduktion machen unseren Körper empfindlicher für unser eigenes Restinsulin, und auch die Wirkung einer Insulinunterstützung kann dadurch deutlich verbessert werden. Wir kommen mit weniger Insulin besser aus. Die Effizienz wird deutlich gesteigert.

Schon seit vielen Jahren wissen wir, dass nicht nur Insulin und sein „Gegner“ Glucagon, beides Hormone aus der Bauchspeicheldrüse, sondern vielmehr auch eine Reihe von Darmhormonen in der Steuerung unseres täglichen Blutzuckerspiegels eine entscheidende Rolle spielen. Diese Hormone werden INKRETINE genannt und im Dünndarm erst nach Aufnahme von Kohlenhydraten (Teigwaren, Reis, Kartoffel, Brot, Obst, alle Backprodukte…. etc.) freigesetzt. Lange Zeit war es aufgrund der hohen Empfindlichkeit und mangenden Stabilität dieser Hormone nicht möglich, diese in Form von Injektionen oder gar Tabletten den betroffenen Typ-2-Diabetikern anzubieten.

2007 wurde den Patienten als Erstes in diesem Zusammenhang Exenatide (Byetta®) zur Verfügung gestellt. Zwischenzeitlich umfasst diese Medikationsfamilie sechs Familienmitglieder, die unterschiedliche Charakterzüge und Eigenschaften aufweisen. Voraussetzung für einen wirksamen Einsatz ist allerdings eine noch vorhandene körpereigene Restmenge an Insulin oder – wenn nicht mehr ausreichend vorhanden – eine zusätzliche Unterstützung mit Insulin. In der Regel werden manche Tabletten der Diabetestherapie durchaus in Kombination auch weiter verordnet.

Diese Medikamente sind in unterschiedlicher Form zu verabreichen, allerdings bis jetzt immer zu spritzen. (Eine Tablette ist bereits erprobt, aber noch nicht im Alltag erhältlich.) Es gibt Medikamente, die zweimal täglich (Byetta®), einmal täglich (Victoza®, Lyxumia®) oder einmal wöchentlich (Bydureon®, Trulicity® und Ozempic®) verabreicht werden.

 

Die Wirkungen dieser Substanzen lassen sich gut beschreiben; sie sind allerdings bei jedem Einzelnen unterschiedlich ausgeprägt:

  • direkte Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse – Insulinausschüttung wird angeregt, und der Gegenspieler Glucagon wird gehemmt 
  • verzögerte Magen- und Darmentleerung 
  • hemmende Wirkung auf das Appetitzentrum 

 

Diese Medikation hat zusätzlich bewiesen, dass sie in der Praxis die Gewichtsreduktion deutlich unterstützen kann. Manche Substanzen haben einen zusätzlich sehr positiven Effekt auf Niere und Herz, wobei dies in erster Linie bei bereits an Herz/Niere erkrankten Patienten bzw. bei Patienten mit einer Schlaganfallvorgeschichte zu beobachten war.

Sehr wichtig scheint mir, dass die oben genannte Medikation sehr selten nur als alleinige Therapie verordnet wird. Vielmehr hat es sich sehr bewährt, Kombinationen einzusetzen, und dafür ist diese Substanzklasse bestens geeignet! Diese Gruppe gilt nach unseren aktuellen Leitlinien in der Diabetikerbehandlung als „FIRST INJEKTABLE“, d. h. wenn sichergestellt ist, dass noch Restinsulin vorhanden ist, hat diese Medikation v. a. wegen der zuvor angeführten positiven Zusatzeffekte gewiss große Vorzüge gegenüber einer Insulintherapie! Das Nebenwirkungsprofil sollte mit dem Patienten vor Beginn der Behandlung besprochen werden, wobei hier vor allem zu Beginn das mögliche Auftreten von Übelkeit angesprochen werden sollte. Dies führt manchmal leider zu einem vorzeitigen Therapieabbruch. Dies kann durch anfänglich bewusst sanfte Dosissteigerung oder bei manchen wöchentlich zu verabreichenden Präparaten durch Verlängerung der Abstände für die Injektion (z. B. von
7 auf 10 oder 14 Tage) zu Beginn der Behandlung deutlich abgeschwächt werden.

Wichtig ist, dass die INKRETIN-THERAPIE nicht als Ersatz für eine INUSLINTHERAPIE gesehen werden kann. Es ist damit vielleicht möglich, durch all die positiven Zusatzeffekte das Leben der Betroffenen angenehmer zu gestalten und eventuelle weitere Entwicklungen von Spätfolgen positiv beeinflussen zu können. Sehr häufig werden unsere Patienten aus beiden Optionen – INKRETIN und INSULIN – großen Nutzen ziehen.

In den letzten Jahren hat sich bei uns auch in der Sichtweise auf die Insulintherapie vieles verändert, und ich möchte in den kommenden Ausgaben darauf gerne wieder Bezug nehmen.