No risk – no fun

Sibels Eltern sind in Sorge, weil ihre fast 15-jährige Tochter tagelang keinen Blutzucker misst und auch das Messgerät zur Fettgewebezuckermessung ablehnt. Insulin bleibt am Ende des Quartals auch immer zu viel übrig, sodass die Mutter eine mangelhafte Verwendung vermutet. Seit Sibel 12 Jahre alt war, kümmert sie sich im Alltag um ihre Diabetestherapie, und die Eltern unterstützen sie bei den Ambulanzterminen, beim Besorgen des Insulins und der medizinischen Hilfsmittel zur Diabetestherapie (Lanzetten, Messstreifen etc.), bei der Vorbereitung der Schuljause und bei Extremsituationen (viel Sport, Urlaub, Krankheit etc.). 

Henrys Eltern verzweifeln, weil der 17-Jährige immer wieder mit Freunden ausgeht, ohne seine Diabetessachen mitzunehmen. Bis spät in die Nacht bleibt er ohne Kontrolle über seinen Blutzucker weg, geht ins Kino und mit seinen Freunden etwas essen. Danach gehen sie zusammen noch etwas trinken. Henry tut in seinem Freundeskreis so, als sei Diabetes gar kein Thema für ihn. Während der Schulzeit und auch zu Hause setzt er vieles an Diabetestherapie um und arbeitet mit seinen Eltern gut zusammen.

Die Bedeutung des Risikoverhaltens

Sibel und Henry zeigen riskantes Verhalten. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle, wobei allen gemein ist, dass Risikoverhalten eine psychosoziale Funktion übernimmt. Das bedeutet, im Zusammenhang mit der eigenen Entwicklung dient das Risikoverhalten der Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben, wie etwa: körperliche Reifung, Herausbildung eines Werte- und Normensystems, Ablösung von den Eltern, Aufbau neuer und reifer Beziehungen zu Gleichaltrigen, Übergang von der schulischen zur beruflichen Bildung, Umgang mit Sexualität, Ausbildung von Hobbys u. v. m. Eine Zusammenschau von Entwicklungsaufgaben und Funktionen des Risikoverhaltens wird in nebenstehender Tabelle (nach Silbereisen und Reese, 2001) ersichtlich.

Jugendlicher Leichtsinn als Weg 
zur Kompetenzentwicklung?

Jugendliche verhalten sich im Vergleich zur Erwachsenenbevölkerung generell risikoreicher. Obwohl viele Verhal-

tensweisen Jugendlicher gesundheitsgefährdend sind, werden sie von den Jugendlichen selbst nicht als gesundheitsbeeinträchtigend wahrgenommen. Grund dafür ist der „jugendliche Egozentrismus“, d. h., die Jugendlichen sind phasenweise stark auf sich selbst bezogen, da sie sich nach innen orientieren und durch die schon oben angeschnittenen umfassenden Entwicklungsgaben gefordert sind. Diese alterstypische erhöhte Selbstwahrnehmung verstellt den Jugendlichen den Blick für die realistische Einschätzung der Gefahren in der Außenwelt. Sie resultiert aus den schnellen körperlichen und psychischen Veränderungen, denen die Jugendlichen ausgesetzt sind und die ihre volle Aufmerksamkeit beanspruchen. 

Auch dann, wenn Gefahren realistisch eingeschätzt werden, beziehen die Jugendlichen die Gefahren nicht auf sich selbst, sondern nur auf die anderen, nach dem Motto: „Das kann mir doch nicht passieren“. Die Jugendlichen erleben sich als „einzigartig“ und überschätzen ihre Fähigkeiten. 

Jugendliche üben oft gesundheitsriskante Praktiken aus und/oder überschreiten häufiger soziale Grenzen in Form regelverletzender Verhaltensweisen. Somit ist das Jugendalter ein Einstiegspunkt und oft auch Höhepunkt für verschiedenste Formen des Risikoverhaltens. Der Umgang mit dem Risi-koverhalten und das Erlangen einer entsprechenden Kompetenz stellt selbst eine Entwicklungsaufgabe dar. 

Die Haltung der Eltern und des Umfeldes

„Eltern und Erzieher müssen dem jugendlich gewordenen Kind einen Freiraum für die eigene Entwicklung inklusive Ausprobieren, Über-die-Stränge-Schlagen und  Risikoverhalten eingestehen, aber zugleich auch Grenzen setzen und bei Verletzungen der Grenzen sanktionieren. Ein pädagogisches Kunststück, das schwere Beziehungsarbeit verlangt.“ 

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Public Health and Education, Hertie School of Governance, Berlin


Risikoverhalten ist für Jugendliche wichtig und für ihre psychosoziale Entwicklung unerlässlich. Daher ist ein „wohl dosiertes“ Maß an Risikoverhalten zu befürworten. Eltern mit dieser Haltung schaffen für ihre Kinder die Möglichkeit, Risikokompetenzen statt Verboten zu entwickeln, achten auf das Maß des Risikoverhaltens und intervenieren in einer unterstützenden Weise. 

Sibels und Henrys Eltern stecken in einer Familienbesprechung das Ausmaß des Risikoverhaltens ab und bringen ihre elterlichen Gefühle der Sorge sowie das Verständnis um die Sinnhaftigkeit des Risikoverhaltens zum Ausdruck. Gemeinsam suchen sie nach möglichen Lösungen. Bei Sibel könnte das bedeuten, dass es einmal täglich am Nachmittag eine gemeinsame Diabetesbesprechung gibt, bei der notwendige Diabetestherapiemaßnahmen vorerst nachgeholt werden können. 

In Henrys Fall sind sich die Eltern einig, dass sie mit ihrem Sohn ein Sicherheitsnetz und Notmaßnahmen besprechen wollen, damit seine Freunde einen Hypo erkennen und gegebenenfalls behandeln können und wissen, dass sie im Bedarfsfall die Rettung anrufen und die Einsatzkräfte über den Diabetes informieren müssen.

In manchen Familien ist das Risikoverhalten des Kindes vielleicht schon länger der Anstoß für Konflikte, bei denen sich die Familie in Vorwürfe und Schuldgefühle verstrickt und Eltern sowie Kinder durch verletzende Worte gekränkt zurückbleiben. Hier kann mit Unterstützung von außen eine Verbesserung der Situation erarbeitet werden und erfordert Bereitschaft zur Mitarbeit und Geduld.

Gesellschaftlich gesehen liegt in der Förderung sozialer und kommunikativer Fähigkeiten ein Beitrag zum Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins und sichert Jugendliche dabei ab, Risiken angemessen auszuwählen und erfolgreich zu bewältigen.