„Chronisch krank und doch seelisch gesund - wie schaffe ich das?“

Diabetes mellitus stellt als chronische Erkrankung eine besondere Herausforderung für die Betroffenen dar. Nach der Verarbeitung der Neudiagnose muss alles Notwendige über die Zuckerkrankheit erlernt werden, um die Selbstbehandlung durchführen zu können. Dabei ist eine möglichst gute Stoffwechseleinstellung das Ziel, Spätschäden sollten ja vermieden oder zumindest verzögert werden. Das Auftreten von Diabetes mellitus beeinflusst und verändert das Leben und den Alltag der Betroffenen ganz erheblich. Von Dr. Christopher Kartnig

Was heißt, an Diabetes zu erkranken?
Diabetes mellitus betrifft den ganzen Menschen. Es sind nicht nur die körperlichen Auswirkungen und Folgen zu beachten, auch das seelische Befinden und die so-zialen Beziehungen – etwa in Familie und Beruf – können in Mitleidenschaft gezogen sein. Vielfältige Belastungen müssen bewältigt und alle Lebensbereiche unter dem Aspekt der Zuckerkrankheit neu gestaltet werden. Unter diesen Umständen seelisch gesund zu bleiben, ist eine große Aufgabe für Menschen mit Diabetes.

Was bedeutet „seelisch gesund“?
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO bedeutet Gesundheit vollständiges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Die seelische Gesundheit lässt sich dabei aber nicht so einfach bestimmen, kennt doch jeder
von uns Phasen, die von Gefühlen wie etwa Anspannung, Ärger, Angst, Trauer oder großer Sorge geprägt sind. Diese Emotionen sind Teil unseres gesunden Seelen-lebens und nicht Ausdruck seelischer Krankheit. Erst wenn sie so sehr im Vorder-grund stehen, dass sie uns an der Bewältigung des Alltags hindern, werden sie krankheitswertig.

Seelisch gesund sein bedeutet die Fähigkeit zur Entfaltung der eigenen Lebensmö-glichkeiten. Im einzelnen heißt dies, dass man:

  • nicht allzu sorgenvoll über sein Leben und seine Handlungen nachdenkt
  • Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken bzw. stillen kann
  • mit Unsicherheiten, Widersprüchen und Problemen umgehen kann
  • Realität und Phantasie auseinanderhalten kann
  • sich in der Vorstellung frei bewegen kann
  • sich und seine eigene Geschichte kennt

Was belastet Menschen mit Diabetes?
Die Neudiagnose eines Diabetes mellitus führt häufig zu einer tiefen Erschütterung und Lebenskrise. Der Verlust von Gesundheit löst eine Trauerreaktion aus, in der Gefühle wie Niedergeschlagenheit, Wut, Hilflosigkeit und Angst vorherrschen. Auch Ärger auf die Erkrankung, die Welt, sich oder andere Menschen, die nicht an Diabetes erkrankt sind, ist häufig. Fragen nach den Ursachen der Erkrankung bleiben oft unbeantwortet.

In der folgenden Anpassungsphase lernen die Betroffenen, mit der Zuckerkrankheit umzugehen und sie zu akzeptieren. Dies kann immer wieder mit psychischen Krisen verbunden sein. Die verschiedenen Teile der Diabetestherapie wie Insulin zu spritzen, BZ-messungen durchzuführen und eine Diät einzuhalten können als be-lastend und einschränkend erlebt werden. Angstgefühle und Unsicherheit treten auf,
wenn die BZ-Werte stark schwanken oder wiederholt zu niedrig sind. Spezifische Ängste betreffen etwa das Spritzen, Hypoglykämien und das Auftreten von Spät-schäden. Vieles muss geplant und abgewogen werden, wodurch Spontaneität und Unbeschwertheit verloren gehen können.

Aber auch der Umgang mit der Erkrankung in der Familie und in der Öffentlichkeit, die Frage, wer soll und darf wie viel davon wissen, wie viel Rücksichtnahme auf spezielle Erfordernisse ist notwendig, stellen eine Herausforderung für die Betroff-enen dar.

Diabetes und seelische Erkrankungen
Als Folge der Belastungen treten seelische Erkrankungen bei Menschen mit Diabetes häufiger als in der Allgemeinbevölkerung auf, nämlich zu ca. 20 Prozent. Am häufigsten sind dies depressive Störungen, Angststörungen, aber auch Belas-tungsreaktionen, Substanzmissbrauch (v. a. Alkohol und Nikotin) und Essstörungen. Die psychische Begleiterkrankung kann den Umgang mit dem
Diabetes erschweren und im Weiteren zu einer schlechten BZ-Einstellung führen. Vor allem zwischen Depression und Diabetes besteht ein enger wechselseitiger Zusammenhang. Die richtige Diagnose und Therapie der seelischen Erkrankung bessert somit nicht nur das Befinden sondern hilft auch, das BZ-Selbstmanagement zu verbessern.

Den Diabetes akzeptieren
Von jeder chronischen Erkrankung, nicht nur dem Diabetes, weiß man, dass das Ausmaß der gesundheitsbezogenen Lebensqualität davon abhängt, wie hoch die Akzeptanz ist. Je besser es gelingt, die Erkrankung anzunehmen, umso höher ist die Lebensqualität.

Dabei hilft:

  • den Diabetes als ständigen Begleiter zu verstehen, den man sich zwar nicht ausgesucht hat, der aber nun einmal da ist
  • nicht mehr auf sich oder die Erkrankung wütend zu sein
  • zu wissen, dass es wie in jeder Beziehung ein auf und ab gibt
  • nach Streit und Frustration wieder Aussöhnen und Verständnis kommen
  • zu wissen, dass Beziehung ein Prozess, aber nie etwas völlig Abge-schlossenes ist
  • sich vor Augen zu führen, dass mein Körper auf meine Hilfe angewiesen ist und ich ihm diese auch geben will Menschen, die gelernt haben den Diabetes zu akzep-tieren, fühlen sich in größerem Maße für die Erkrankung zuständig, sind im Selbst-management kompetenter und treffen eigenverantwortlicher und damit freier ihre therapeutischen Entscheidungen.

Umgang mit belastenden Gefühlen
Es ist völlig normal, im Zusammenhang mit dem Diabetes gelegentlich unzufrieden, frustriert, traurig oder ängstlich zu sein. Auch für eine Zeit am liebsten nichts davon wissen oder sich um nichts mehr kümmern zu wollen, gehört zum normalen Ge-fühlsspektrum.

Diese und andere „negative“ Gefühle sind oft ein Ausdruck dafür, dass etwas nicht (mehr) passt und ein Anstoß, über Veränderungen nachzudenken. Suchen Sie einen vertrauensvollen Gesprächspartner, der Ihre Situation kennt und versteht. Überlegen Sie, was genau sie traurig, ängstlich oder frustriert macht. Welche Wünsche oder Bedürfnisse sind in letzter Zeit vielleicht zu kurz gekommen? Wo sehen Sie Möglichkeiten einer Veränderung?

Diese und ähnliche Fragen helfen Ihnen bei der Analyse ihrer Gefühle. Oft steckt hinter diesen Emotionen aber auch eine allzu negative Bewertung wie: „Es ist wirklich eine Katastrophe, dass….“, oder „Ich werde es nie schaffen….“. Letztlich hilft in schwierigen Situationen auch, sich Ablenkung durch angenehme Gesell-schaft oder Aktivitäten zu verschaffen.

Positive Seiten des Diabetes?
Es klingt vielleicht zuerst merkwürdig, zu fragen, ob der Diabetes mellitus auch Dinge zum Positiven verändert hat. Nicht wenige Betroffene schildern aber die Erfahrung, dass sie seit dem Auftreten der Zuckerkrankheit etwa:

  • leichter NEIN sagen können
  • Bedürfnisse besser ausdrücken und durchsetzen können
  • ein besseres Körperbewusstsein entwickelt haben
  • Ihre Fähigkeit, Veränderungen vorzunehmen, gewachsen ist
  • sich gesünder ernähren
  • das Leben bewusster gestalten
  • sich Ziele und Wertigkeiten positiv verändert haben

Kann man chronisch krank und psychisch gesund sein?
Ja, es ist heute anerkannt, dass sich seelische Gesundheit unabhängig von körperlichen Erkrankungen fördern lässt. Die Tatsache, an einer chronischen Krankheit zu leiden, bedeutet nicht automatisch, psychisch zu erkranken. Es gibt
viele aktive, lebensbejahende Menschen mit Diabetes, die aber vermutlich auch ihre Krisen durchlitten und bewältigt haben und gestärkt daraus hervorgegangen sind. Im Kontakt mit ihnen kann man sich den Mut und Ratschläge holen, das Leben mit dem Diabetes lebenswert zu gestalten.

Was hilft, seelisch gesund zu bleiben?
Werden Sie zum Experten/zur Expertin für Ihren Diabetes! Sie entscheiden!!! Je besser Sie Ihre Bedürfnisse kennen, umso leichter können Sie die Therapie auf Ihre spezielle Situation anpassen. Akzeptieren Sie, dass jede Diabetesbehandlung ein Kompromiss ist und es die ideale BZ-Einstellung nicht gibt, auch wenn Ihr Arzt dies fordert. Es wirkt auch entlastend, ein persönliches Gleichgewicht zwischen Aufwand und Resultat in der Behandlung zu finden. Pausen sind auch in der Diabetestherapie erlaubt.

Wer gehört zu Ihrem hilfreichen Team?
Klären Sie für sich, wer in welchen Situationen Ansprechpartner ist und nehmen Sie diese Hilfe auch in Anspruch! Damit können Sie schnell und effizient reagieren, wenn Sie sich nicht wohl fühlen. Zum „Team“ gehören nicht nur Experten wie Arzt/Ärztin, Schulungsschwester oder Diätologin, sondern auch Partner/in, Familie oder Freund/Innen. Im Fall schwerer seelischer Belastungen und Krisen helfen die „Seelenexperten“ wie Psychiater/In, Psychotherapeut/In oder Psychologe/In.

  • Abschließend noch einige allgemeine Tipps, um seelisch gesund zu bleiben:
  • Schaffen Sie sich Inseln der Ruhe und Entspannung
  • Sorgen Sie für vielseitige und abwechslungsreiche Aktivitäten
  • Bleiben Sie mit Ihren Sorgen und Ängsten nicht allein
  • Tauschen Sie sich mit jemandem über Ihre Gefühle und Bedürfnisse aus
  • Haben Sie den Mut, Neues auszuprobieren
  • Nehmen Sie Hilfe in Anspruch
  • Achten Sie auf ihre Grenzen und überfordern Sie sich nicht
  • Planen Sie Veränderungen in kleinen Schritten, sie brauchen Zeit
  • Halten Sie sich vor Augen, dass Misserfolge Teil des Lebens sind

Dies ist sicher nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten, das eigene seelische
Wohlbefinden zu fördern. Wichtig ist, dass Sie Ihren persönlichen Weg finden,
das Leben mit dem Diabetes befriedigend und lebenswert zu gestalten.

Ich wünsche Ihnen dabei viel Vergnügen, Glück und Erfolg.

Autor: Dr. Christopher Kartnig, Psychiater und Psychotherapeut OA am Sonderauftrag für Psychosomatische Medizin am LKH Salzburg der Universitäts-klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, CDK