Interview: Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr

Interview

 

Wie und wo sehen Sie die Rolle Ihrer Mitglieder in der Gesundheitsversorgung der österreichischen Bevölkerung?

Die Apothekerinnen und Apotheker sind das Fundament in der Gesundheitsversorgung. Der Bogen spannt sich von der Prävention bis zur Betreuung akut und chronisch Kranker. Die Menschen brauchen vor Ort Ansprechpartner mit hoher fachlicher Kompetenz, denen sie auch vertrauen. Dafür stehen wir Apothekerinnen und Apotheker. Derzeit gibt es 1.400 öffentliche Apotheken mit mehr als 6.200 ausgebildeten Apothekerinnen und Apothekern. Binnen weniger als zehn Minuten kann jeder Österreicher eine Apotheke erreichen. Die Apotheken sind rund um die Uhr mit ihren Experten im Einsatz. Wir leisten schon jetzt vieles. Unsere Leistungen werden künftig weiter strukturiert ausgebaut und müssen auch entsprechend honoriert werden. 

Die Apothekerinnen und Apotheker sind wesentliche Stakeholder der österreichischen Gesundheitsversorgung. Neben dem Begriff der Gesundheitsversorgung wird die Gesundheitsvorsorge immer bedeutsamer. Wie leisten die Apothekerinnen und Apotheker hier einen Beitrag?

Mit Gesundheitsvorsorge ist auch Gesundheitswissen und -kompetenz verbunden. Es ist ein wichtiges Ziel der österreichischen Gesundheitspolitik, dieses Wissen in der Bevölkerung zu erhöhen. Wir Apotheker möchten in Zukunft gemeinsam mit den Ärzten Konzepte entwickeln, um die Gesundheit der Österreicherinnen und Österreich nachhaltig zu verbessern. Die niedergelassenen Ärzte haben täglich 300.000 Patientenkontakte, weiters suchen täglich 400.000 Menschen eine öffentliche Apotheke auf. Wir nutzen diese 700.000 Kontakte, um unser Wissen weiterzugeben und die Gesundheit unserer Kunden und Patienten sicherzustellen. 

Die Zahl der von Diabetes Betroffenen steigt weltweit und auch in Österreich nach wie vor deutlich an. Wo sehen Sie die Rolle der Apothekerinnen und Apotheker in den Herausforderungen dieser Entwicklung?

Unser gemeinsames Ziel ist die Früherkennung der Erkrankung, um sicherzustellen, dass der Betroffene möglichst bald eine richtige Diagnose beim Arzt und die notwendige Therapie erhält. Denn das verhindert die klassischen Spätfolgen, die die Krankheit bei Nichtbehandlung mit sich bringen würde.

Gerade bei chronischen Erkrankungen braucht es Gesundheitsberufe, die unterstützend zur Seite stehen und laufend motivieren. Dabei kümmern wir uns um die korrekte Anwendung der vom Arzt verordneten Arzneimitteltherapie. Wir helfen mit unseren struktuierten Beratungs- und Betreuungsleistungen, dass der Patient trotz der chronischen Erkrankung gute Lebensjahre hat.

In Ihrer Funktion als Präsidentin der Apothekerkammer Oberösterreich haben Sie bereits vor einigen Jahren eine große Service- und Beratungskampagne speziell für Menschen mit Diabetes im Bundesland Oberösterreich initiiert. Wie sind Ihre Erfahrungen hinsichtlich der Notwendigkeit solcher Aktivitäten für Betroffene?

Wir haben in Oberösterreich die Notwendigkeit erkannt, dass es bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes eine spezielle, strukturierte Betreuung braucht. Daraufhin haben wir regional ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das von interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern, sogar mit speziellen Ausbildungen, gekennzeichnet war. Mit einem entsprechenden Angebot und natürlich auch der aktiven Teilnahme an „disease management“-Programmen können wichtige Erfolge bei den Betroffenen erreicht werden. 

Menschen mit Diabetes erhalten in den österreichischen Apotheken alle notwendigen verschreibungspflichtigen Arzneien und Heilbehelfe, welche sie für ihre Therapie benötigen. Teilweise umfasst diese eine Vielzahl unterschiedlicher Medikamente, welche ja auch von behandelnden Ärzten verschiedener Fachrichtungen verschrieben werden. Wie kann man als Betroffener sicher sein, dass die Medikation auch optimal aufeinander abgestimmt ist?

Wichtig ist, dass die Patienten ihren Ärzten umfassend mitteilen, was sie einnehmen. Eine gute Hilfestellung kann der Apotheker leisten, weil er über alle verschriebenen Arzneimittel und frei verkäuflichen Medikamente Bescheid weiß. Im Sinne eines praxisnahen Medikationsmanagements kann der Apotheker bei Bedarf auch Rücksprache mit dem Arzt halten, um allfällige Wechsel- und Nebenwirkungen hintanzuhalten. 

Die Österreichische Apothekerkammer ist ein langjähriger Partner der Österreichischen Diabetikervereinigung. Wie beurteilen Sie als Apothekerin, und ganz bewusst nicht als höchste Standesvertreterin, den Stellenwert der Informationsvermittlung und Fortbildung durch Selbsthilfegruppen?

Selbsthilfegruppen sind sehr wertvoll, weil sie Wissen vermitteln in einer verständlichen Art und sich die Mitglieder dort oft wie „zu Hause“ fühlen. Aus meiner Erfahrung als Apothekerin weiß ich, wie motivierend und lösungsorientiert manche Selbsthilfegruppen arbeiten, um ihre Mitglieder gut zu servicieren. Jede Initiative, die zu mehr Gesundheit beiträgt, ist zu begrüßen.