Interview: Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer

Kautzky-Willer

 

Sie sind seit 2017 die neue Präsidentin der ÖDG, der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Welche Schwerpunkte möchten Sie in dieser Funktion setzen?

Ein ganz wichtiger Schwerpunkt für uns ist wieder die Stärkung der Wissenschaft, weil letztlich alles wissenschaftsbasiert sein muss, die Fortbildung, die Schulungen, die Empfehlungen für die Praxis; ebenfalls wichtig ist für uns die Weiterentwicklung der Öffentlichkeitsarbeit. Ein weiteres Anliegen ist die verbesserte Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen, es gibt jetzt die sogenannte SOKO Diabetes, eine Plattform, wo die ÖDG Selbsthilfegruppen und andere Gruppierungen proaktiv unterstützt, u. a. bei der Fortbildung von Gruppenleitern sowie durch regelmäßige Treffen im Arbeitskreis, um das gemeinsame Ziel, Diabetes stärker im Bewusstsein zu verankern, zu erreichen.

Ganz wesentlich ist, dass die ÖDG ein wichtiger Stakeholder für die Gesundheitspolitik und das Gesundheitsministerium ist und dass die Diabetesstrategie jetzt tatsächlich umgesetzt wird, das alles sind wichtige Aufgaben der ÖDG. Auch die Leitlinien werden wieder auf den neuesten Stand gebracht. Das sind die Schwerpunkte für das kommende Jahr.

Im vergangenen November fand der alljährliche Diabetes-Kongress in Salzburg statt. Dabei wurden Themen angesprochen wie seltene Diabetesformen, Diabetes beim Kind und Erwachsenen, Schulung, neue und zukünftige Therapieformen, z. B. personalisierte medizinische Therapien ... Welche Themen sind für Sie vorrangig?

Die bekannten Themen sollten natürlich alle vorkommen. Uns ist besonders die personalisierte Medizin oder Präzisionsmedizin wichtig und wie man Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung und neuen klinischen Studien in die Anwendung der Praxis übersetzt. Auch bei den neuen Technologien tut sich sehr viel, ob das jetzt die Glucose-Monitoring-Systeme sind oder neue Pumpen und Devices, da müssen wir natürlich die Fachkollegen am Laufenden halten.

Weitere wichtige Themen sind kardiovaskuläre Erkrankungen, die ja die Haupttodesursache beim Diabetes sind; natürlich ist Schwangerschaft ein wichtiger Schwerpunkt, sowohl bei Typ 1 als auch bei Typ 2 Diabetes und die häufigste Form, der Schwangerschaftsdiabetes. Allgemein sind mir Gender-Aspekte bei Diabetes ein besonderes Anliegen. Und auch die Transition – also der Übergang – von der Kinder-Diabetologie ins Erwachsenenalter ist ein wichtiges Thema. Das ist eine Phase, wo es immer zu großen Schwierigkeiten kommt, da wollen wir gemeinsam mit den Kinderfachärzten Best-Practice-Modelle für ganz Österreich erarbeiten.

Diabetes ist ja eine Volkskrankheit, daher ist die Information der Bevölkerung von wesentlicher Bedeutung, Stichwort „Österreichische Diabetesstrategie”. Welche Rolle spielen die Mitglieder der ÖDG?

Die Mitglieder der ÖDG spielen eine ganz wichtige Rolle, u. a. halten wir auch Fortbildungen für die Allgemeinheit ab: z. B. die Diabetestage im Wiener Rathaus oder jetzt in Graz die Frühjahrstagung, dort gibt es auch eine Gesundheitsstraßenbahn, wo man verschiedene Werte screenen und messen kann. Es gibt die Initiative MINI MED, wo ich selber seit vielen Jahren sehr aktiv bin und die mittlerweile schon sehr viele interessierte Zuhörer aufweist. Diabetes ist dabei regelmäßig ein Schwerpunkt. 

Wir haben ein sehr buntes Team, Wissenschafter bis Ärzte, die vor allem in der Praxis tätig sind, aus allen Bundesländern, ländlichen Regionen genauso wie den Ballungszentren, d. h. also wirklich Mitglieder in ganz Österreich, sodass verschiedene Perspektiven und Erfahrungen eingebracht werden. Interdisziplinarität ist natürlich sehr wichtig, und die Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist uns ein ganz großes Anliegen.

Ein weiterer Ihrer Schwerpunkte ist die Gendermedizin, in der Sie auch die erste Professur an der Medizinischen Universität Wien innehaben. Stichwort Herzinfarkt bei Frauen, Unterschiede in der Medikamententherapie, … Warum ist hier eine Unterscheidung der Geschlechter bedeutsam? Können Sie uns kurz die wesentlichsten Punkte erläutern?

Also gerade in der Diabetologie gibt es mittlerweile sehr viel Literatur – auch von der ÖDG – die klar zeigt, dass es da wichtige Unterschiede gibt: beginnend bei den Risikofaktoren, den unterschiedlichen Diagnosemethoden, z. B. ist bei Frauen der Zuckerbelastungstest wichtig zur Früherkennung, weil Frauen insulinempfindlicher sind und üblicherweise niedrigere Nüchternzuckerwerte und HbA1c-Werte haben als Männer. Am Beginn der Erkrankung sind die Werte oft nach dem Essen schon bei Frauen stärker erhöht oder eben durch Belastung, beim Zuckerbelastungstest, aber nüchtern noch normal, d. h., hier ist der oGTT (oraler Glukosetoleranztest) wichtig zur Früherkennung.

Generell haben Männer ein höheres Diabetesrisiko, weil sie insulinresistenter sind, mehr Bauchfett und Leberfett haben. Es reicht bei ihnen weniger Übergewicht, um Diabetes zu bekommen, sie bekommen ihn auch früher, die Frauen sind meist später dran. Aber wenn die Frau Diabetes hat, dann steigt ihr Risiko für Komplikationen wie etwa Herzinfarkt oder Herzschwäche, Schlaganfall und Nierenkomplikationen einfach stärker.

Es ist auch wichtig, bei der medikamentösen Therapie auf die spezifischen Nebenwirkungen zu achten: Frauen haben bei SGLT-2 -Hemmern mehr Genital- und Harnwegsinfekte, bekommen bei Glitazonen mehr Knochenbrüche, bei Insulingabe haben sie häufiger Unterzucker, …Darauf sollte man achten und andererseits darauf schauen, dass die Zielwerte bei Mann und Frau gleichermaßen erreicht werden. (Bei Frauen werden z. B. die Zielwerte für LDL-Cholesterin und HDL schlechter erreicht.)

Welchen Einfluss haben die Hormone?

Die Hormone haben einen großen Einfluss, z. B. haben Frauen mit erhöhten männlichen Hormonen, wie etwa beim polyzystischen Ovarialsyndrom, ein höheres Diabetesrisiko, bei Männern geht weniger Testosteron mit einem höheren Diabetesrisiko einher, also die Sexualhormone spielen eine große Rolle, auch was die Körperfettverteilung angeht und das Risiko zur Diabetesentstehung. Hormonersatztherapie kann z. B. das Diabetesrisiko senken, während eine frühe Menopause das Risiko erhöht.

Diabetes als Stoffwechselerkrankung hat ja einen großen Einfluss auf den gesamten Körper und erfordert oftmals ein multidisziplinares Denken bei der Behandlung. Was bedeutet dies für die Diabetologie?

Das multidisziplinare Denken sowohl in der Gendermedizin als auch der Diabetologie ist ganz wichtig, weil alle Organsysteme betroffen sind, d. h. Team Science ist die Zukunft. Als Einzelkämpfer kann man da nicht viel erreichen, man braucht Teams, die hier zusammenarbeiten, unterschiedlichste Disziplinen. In der Betreuung ist es natürlich auch wichtig, die Pflege miteinzubeziehen, Ernährungsberatung, Psychologie, Schulungsteams, Selbsthilfegruppen, Diabetesberater und Bewegungscoaches, die unterstützen bei der Motivation der Patienten. Es ist wichtig bei Krankheiten, die zu einer lebenslangen Behandlung führen, dass man im Team zusammenarbeitet.

Ein wichtiges Versorgungsthema ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes. Wie kann diese Phase optimal gelingen? Was gibt es für Empfehlungen?

Das ist eine schwierige Phase, das sehen wir im AKH, genauso wie in den anderen Schwerpunkthäusern, und wir wollen das jetzt zu einem wichtigen Thema machen. Es gibt verschiedenste Modelle, auch international. Es gibt noch keine fertige Methode, wie das am besten funktioniert. aber das soll jetzt erarbeitet werden: dass die Teams von der Kinderklinik und der Erwachsenenklinik bei der Übergabe besser zusammenarbeiten und man eigene Slots für die jungen Leute einrichtet, damit die unter sich sind und sich auch untereinander austauschen können. Und man braucht Ärzte, die sich mit dieser Gruppe speziell auseinandersetzen. Wir werden hier verschiedene Modelle evaluieren und versuchen, ein gutes Best-Practice-Modell herauszuheben. Es ist auch schwierig, weil die Drop-out-Rate sehr hoch ist, da sich in dieser Lebensphase sehr viel ändert. Die Jugendlichen sollten auch weiter in den Spezialzentren behandelt werden und nicht verloren gehen an die Peripherie, wo sich die Patienten manchmal besser als die Ärzte auskennen, das ist leider oft der Fall.

Redaktion: Wir danken für das Gespräch.

Prof. Kautzky-Willer: Danke.