Menschen mit Diabetes müssen ihrem COVID-Risiko entsprechend geimpft werden!

„wir sind diabetes“ antwortet auf den Auftritt von Gesundheitsminister Rudolf Anschober im Corona-Bürgerforum auf PULS 24 am 15. März 2021

  • Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der intensivmedizinisch versorgten COVID-19-Patienten Diabetes hatten und noch dazu ein Drittel an der Vorstufe Prädiabetes litten. In großen epidemiologischen Studien ebenso wie im Diabetes-Covid-19-Register der ÖDG erwies sich der HbA1c nicht als Risikofaktor für einen schweren Verlauf, konsistent in allen Studien zeigen sich neben einem höheren Alter (> 65 Jahre) begleitende kardiale, renale oder pulmonale Erkrankungen als wesentliche Risikofaktoren für einen schweren Verlauf

Vertreter von „wir sind diabetes – Dachorganisation der Diabetes Selbsthilfe Österreich“ sind enttäuscht über die Absicht der Bundesregierung, die Zuteilung von COVID-19-Impfstoffen an Menschen mit Diabetes weiterhin ausschließlich von der Blutzuckereinstellung abhängig zu machen. „Die Einteilung in Personen nach dem HbA1c-Wert, der die längerfristige Blutzuckereinstellung widerspiegelt, hat keine medizinische Grundlage und dient ausschließlich dazu, die Zahl der Menschen mit höherer Priorisierung zu reduzieren.“ bleibt Adalbert Strasser, Wundchirurg und Präsident von „wir sind diabetes“, bei seiner Einschätzung.

In der TV-Sendung „Corona-Bürgerforum“ auf PULS 24 am 15. März antwortete Gesundheitsminister Rudolf Anschober auf eine diesbezügliche Anfrage von „wir sind diabetes“-Geschäftsführerin Karin Duderstadt: „Das Nationale Impfgremium hat einen Vorschlag für den Ablauf der Impfungen gemacht. Dieser COVID-19-Impfplan ist im Ministerrat beschlossen worden, heute auch noch einmal mit einem Erlass präzisiert worden, das heißt, das ist verbindlich.“ Laut COVID-19-Impfplan fallen Menschen mit Diabetes mellitus, unabhängig vom Diabetestyp, in die „Prioritätskategorie 3“. Eine Ausnahme besteht für Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes (HbA1c > 7,5 % bei Typ-1-Diabetes; HbA1c > 8,5 % bei Typ-2-Diabetes) oder wenn diabetesbedingte „Endorganschäden“, z. B. des Herzens, der Nieren oder der Blutgefäße vorliegen.

Impfpriorisierung ohne wissenschaftliche Grundlage

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG), die seit Monaten in einem eigenen Register die COVID-19-Verläufe von Menschen mit Diabetes in Österreich erfasst, schreibt dazu: „Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der intensivmedizinisch versorgten COVID-19-Patienten Diabetes hatten und noch dazu ein Drittel an der Vorstufe Prädiabetes litten. In großen epidemiologischen Studien ebenso wie im Diabetes-Covid-19-Register der ÖDG erwies sich der HbA1c nicht als Risikofaktor für einen schweren Verlauf, konsistent in allen Studien zeigen sich neben einem höheren Alter (> 65 Jahre) begleitende kardiale, renale oder pulmonale Erkrankungen als wesentliche Risikofaktoren für einen schweren Verlauf.“ Die ÖDG plädiert dafür, Menschen mit Diabetes mellitus und einer der folgenden Faktoren/Erkrankungen – Alter über 65 Jahre, makro- oder mikrovaskuläre Komplikationen, Lungenerkrankungen oder obstruktives Schlafapnoe-Syndrom, chronische Nierenerkrankung – in die Prioritätskategorie 2 des COVID-19-Impfplans aufzunehmen. Nach Auskunft von ÖDG-Präsidentin Susanne Kaser wurde die Position der medizinischen Fachgesellschaft dem Nationalen Impfgremium schon vor Wochen übermittelt. Anfang März fand dazu auch ein Gespräch mit Bundesminister Anschober statt.

Keine StoffwechselexpertInnen im Nationalen Impfgremium

Ein strukturelles Problem sieht „wir sind diabetes“-Präsident Strasser in der Zusammensetzung des Nationalen Impfgremiums: „Bei allem nötigen Respekt: Ich vermisse im Nationalen Impfgremium Personen, die eigene Erfahrungen mit der Behandlung der großen COVID-Risikogruppen, darunter Diabetes mellitus, mitbringen.“ Und weiter: „Wer tagtäglich Menschen mit Diabetes behandelt und sieht, welche Folgen COVID-19 haben kann, würde nicht behaupten, eine differenzierte Risikobewertung sei zu kompliziert.“ Strasser bezieht sich dabei auf die Aussage von Dorothee von Laer, Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck, jedoch nicht Mitglied des Nationalen Impfgremiums, im gestrigen Corona-Bürgerforum. Sie kommentierte die Risikoeinstufung von Menschen mit Diabetes im COVID-19-Impfplan mit den Worten: „Da (innerhalb der Gruppe der Menschen mit Diabetes, Anm.) kann man auch wieder Abstufungen machen, aber das wird dann irgendwann zu kompliziert. Wenn man einen Diabetiker mit schweren diabetischen Folgeerkrankungen nimmt, kommt er vielleicht in das Risiko eines gesunden 80-jährigen. Irgendwann muss man das auch vereinfachen und sagen: der durchschnittliche Diabetiker, der durchschnittliche Über-80-Jährige.“ Strasser dazu: „Es ist schlicht die Pflicht der öffentlichen Gesundheitsversorgung, die Menschen ihrem Risiko entsprechend vor den Folgen der COVID-19-Erkrankung bestmöglich zu schützen – ungeachtet der Komplexität der Aufgabe!“